Rudolf Nurejew [Link zur Biographie] gilt als einer der bedeutendsten Tänzer des 20. Jahrhunderts. Er hat nicht nur innerhalb der Kunstform Ballett neue Standards gesetzt, die bis heute universell gültig sind, sondern er hat mit seiner persönlichen Erscheinung die Rolle des männlichen Tänzers neu in Szene gesetzt. Aber nicht nur Ballettomanen schauen auf ihn: Während einer Gastspielreise mit dem Leningrader Kirow-Ballett bat er auf dem Pariser Flughafen um politisches Asyl. In Zeiten des Kalten Krieges war dieses Ereignis von größtem politischen Interesse, und die Titelblätter der Zeitungen machten seinen Namen schlagartig weltberühmt. Nurejew tanzte in Paris, London, New York, Tokyo, Wien, Amsterdam, in vielen Winkeln der Welt, immer wieder aber auch in Berlin. Nurejew liebte die Stadt und die Stadt liebte ihn - im Westen wie im Osten.
Übersicht der Auftritte, Inszenierungen und Gastspiele in Berlin
Auftritte in Berlin
1968 Ballett-Gala
1970 Schwanensee (Choreographie: Kenneth MacMillan nach Marius Petipa)
1970 Apollon musagète (Choreographie: George Balanchine)
1978 und 1979 Giselle (Choreographie: Antony Tudor nach Jean Coralli und Jules Perrot)
1979 Der Nussknacker (Choreographie: Rudolf Nurejew)
1980 Fünf Tangos (Choreographie: Hans van Manen)
1980 Der Idiot (Choreographie: Valery Panov)
1982 und 1984 La Sylphide (Choreographie: Peter Schaufuss nach August Bournonville)
1984 Fräulein Julie (Choreographie: Birgit Cullberg)
1992 als Dirigent für den Programmpunkt Lieder eines fahrenden Gesellen im Rahmen der Ballett-Gala 1992
__in der Deutschen Oper Berlin
1992 Dornröschen (Choreographie: Rudolf Nurejew)
__in der Staatsoper Unter den Linden
Choreographien in Berlin
1979 Der Nussknacker (Premiere: 3. November 1979, Deutsche Oper Berlin)
1992 Dornröschen (Premiere: 29. Februar 1992, Staatsoper Unter den Linden)
1994 Raymonda (Premiere: 4. Juli 1994, Staatsoper Unter den Linden)
Gastspiele in Berlin mit anderen Ensembles
1960 Kirow-Ballett (Abordnung) in gemischtem sowjetischen Kultur-Programm, Berliner Festtage Ostberlin
1965 Australian Ballet, Theater des Westens
1979 Nureyev & Friends, Deutsche Oper Berlin
[Stand: 18. März 2026, aus laufenden Recherchen ergeben sich ständig neue Einträge
Material und Quellen
Materialsammlung Staatsballett Berlin zur DOB und SOB.
sowie: Julie Kavanagh, Rudolf Nurejew. Die Biographie, München 2008. / Marilyn J. La Vine, A Chronology, https://nureyev.org/rudolf-nureyev-famous-roles-ballets-index/rudolf-nureyev-ballet-chronology/ / Wolfgang Oberzaucher, Die Biographie, in: Andrea Amort (Hg.), Nurejew und Wien, Wien 2003 / The Rudolf Nureyev Foundation, www.nureyev.org
Mit besonderem Dank an Babette Angelaeas vom Deutschen Theatermuseum München und an Robert Wein und Bärbel Reissmann von der Stiftung Stadtmuseum Berlin, Fotothek. ]


1965
Am 1. Dezember gastiert Rudolf Nurejew mit dem Australian Ballet im Berliner Theater des Westens. Mit Margot Fonteyn tanzt er Giselle (Auszüge und zweiter Akt). Im Publikum befinden sich u.a. Willy Brandt, der Regierende Bürgermeister von Berlin, und der junge Kritiker Klaus Geitel, der diese Aufführung Jahrzehnte später noch als eines der stärksten Erlebnisse seines Lebens beschreiben wird. Rudolf Nurejew nimmt an Presse-, Foto-Terminen und gesellschaftlichen Empfängen teil.
Nurejew hatte bereits 1959 am Kirow-Theater im Alter von 21 Jahren als Albrecht debütiert, an der Seite der erfahrenen Irina Kolpakowa. Er hatte einen eigenen Ansatz für die Rolle gefunden und den Prinzen vom Anfang bis zum Ende des Balletts als aufrichtigen und leidenschaftlichen Liebhaber dargestellt, der von Wahnsinn und Trauer über Giselles Tod überwältigt wird. Seine authentische Verzweiflung berührte das Publikum.
Die Wandlung des jungen Tataren aus ärmlichen Verhältnissen zum Prinzen noblen Geblüts beeindruckte. 1961 hatte Margot Fonteyn, Primaballerina assoluta des Royal Ballet und am Ende ihrer Karriere, eine Wohltätigkeitsgala im Londoner Drury Lane Theatre veranstaltet. Auch die Direktorin des Royal Ballet, Ninette de Valois, hatte den jungen Tänzer bei diesem Anlass gesehen und verpflichtete ihn, die Rolle des Albrecht an der Seite von Margot Fonteyn zu tanzen. Für zwei Jahrzehnte waren sie das vielleicht berühmteste Tanzpaar der Welt.
Rudolf Nurejew und Margot Fonteyn 1965 in der Probe Link zum Video
Zu sehen ist der Augenblick einer öffentlichen Probe Giselle (zweiter Akt), zu der das Australian Ballet 1965 Presse und Fachwelt eingeladen haben dürfte. Ohne Ton gefilmt lässt sich dennoch das beeindruckende Zusammenspiel der beiden erkennen, wie es das Publikum auch in Berlin begeistert hat.

1967
«Während seines Verweilens vor dem Vorhang schien sie [die Zeit] stillzustehen: ein Akt von Magie!»
1967 erscheint beim Berliner Rembrandt-Verlag das Buch Der Tänzer Rudolf Nurejew. Zweiundzwanzig Anmerkungen.
Sein Autor Klaus Geitel (1924 –2016), einer der wichtigsten Theater- und Tanz-Kritiker seiner Generation, begleitete Rudolf Nurejews Auftritte über Jahrzehnte hinweg.
«Das größte Tanzereignis meines Lebens war Giselle mit Fonteyn und Nurejew… und dem australischen Ballett. Da träume ich noch heute von. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich das vor mir. Nurejews Charisma war so gewaltig, dass er die ganze Szene mit Spannung auflud. Und das auch, wenn er nur den großen Zeh aus der Kulisse rausstreckte … Unglaublich. Unglaublich!», so äußert er sich 2003.
[Gespräch mit Dr. Eberhard Wolff und Thomas Thorausch, zitiert nach: Geitel, Wolff, Thorausch, 2019]
Klaus Geitels Büchlein über Rudolf Nurejew – Band 55 der äußerst populären, monographischen Reihe, bei kleinem Format reich illustriert, zu Personen und Themen aus Theater, Tanz und Musik – spiegelt die Begeisterung seiner Zeitgenossen für den weltberühmten Tänzer. Geitels Notizen indes umfassen aber vor allem die Suche nach dem Ausdruck für einen Zwiespalt, den er wahrnimmt, der bei Nurejews Auftritten förmlich greifbar zu werden scheint. Der authentisch emotionale Ausdruck eines großen Künstlers ist gepaart mit einer ungezähmten, zugleich kalkulierten Selbstinszenierung. Genau in dieser Ambiguität besteht die Faszination, und zugleich auch große Irritation.
«Der Alleingang. In ihm zeigen sich die Grenzen der Kunst Nurejews auch jenseits tanztechnischer Bravour. Sein Auftritt, das weiß er, muss auf Anhieb das Publikum fesseln, denn ihn zu sehen, hat es schließlich erkleckliche Summen bezahlt. Noch ahnt er sicherlich nicht die Grausamkeit, die in den Zuschauern ringsum im sattgepolsterten Gestühl schlummert. Noch hat ihn der Erfolg eingelullt; noch glaubt er, auf ihm Häuser bauen zu können. Dennoch spürt er aber die Wellen der Aufmerksamkeit, die ihm entgegenschlagen. Er versucht, mit ihnen zu schwimmen. Doch gleicht sein Bemühen in diesen kritischen Augenblicken häufig einem Trockenschwimmkurs. Noch nicht umspült von den Wogen der Inspiration, die ihn in den dramatischen Augenblicken einer Interpretation hochreißen und die Umwelt vergessen lassen, spielt er eine Art von Narzissmus aus und bemüht sich, sie künstlich zu steigern. Manierismus ist das Ergebnis: die Exhibition einer Puppe aus Fleisch und Blut, ein sublimiertes Strip-tease, das darauf verzichten kann, die Hüllen fallen zu lassen. Arme und Beine scheinen nicht mehr zum Tanzen, sondern zum Vorzeigen da. Jede Bewegung wird auf dem Präsentierteller dargereicht und der Bewunderung preisgegeben. Das Tempo wird eigenmächtig gedrosselt, die Développés seufzen, die Unnatur grimassiert als sei die schlimmste Zeit der Primaballerinen von einst wiedergekehrt und habe sich ins Trikot verkrochen. Die Unarten des 19. Jahrhunderts, gegen die der Freie Tanz revoltierte, feiern in der Kunst Nurejews ebenso ihr Comeback wie seine alte Grandeur.»
[Klaus Geitel, Der Tänzer Rudolf Nurejew. Zweiundzwanzig Anmerkungen, Berlin 1967.]
Gala-Abend 1968
Margot Fonteyn, Rudolf Nurejew, Marcia Haydée, Richard Cragun, Yvette Chauviré, Flemming Flindt und die Ersten Solotänzerinnen und Solotänzer der Deutschen Oper Berlin: Zu einem Gala-Abend im Rahmen einer Ballettwoche sind gleich einige große Stars der internationalen Ballettszene auf der Bühne der Deutschen Oper Berlin versammelt, Gert Reinholm und Kenneth MacMillan laden sie ein, um dem Berliner Publikum die glamouröse Seite des Balletts zu präsentieren. Das Programm spricht für sich. Nurejew und Fonteyn präsentieren nicht nur Fokins Les Sylphides mit dem Ensemble des Balletts der Deutschen Oper, sondern als finalen Programmpunkt auch Nurejews legendäre Fassung des Le Corsaire Grand Pas de deux.


1970
Am 21. November gastieren Marcia Haydée und Rudolf Nurejew in Kenneth MacMillans Fassung von Schwanensee. Die Aufführung findet im Rahmen der Ballettwoche der Deutschen Oper Berlin statt, in deren Verlauf auch George Balanchines Apollon musagète aufgeführt wird. Die Titelrolle gehört zu Nurejews Repertoire, er tanzt offenbar zumindest eine Vorstellung.
1978 Giselle
1963 gelangt Antony Tudors Fassung von Giselle (nach Coralli/Perrot) in den Spielplan der Deutschen Oper. Yvette Chauviré und Flemming Flindt, internationale Stars dieser Zeit, tanzen die Hauptrollen zur Premiere. 50 Vorstellungen später (1970) gibt Eva Evdokimova ihr Berlin-Debüt in dieser universell gültigen Inszenierung und erobert das Publikum im Sturm.
Auch im November 1978 wird Giselle angesetzt, und kurzfristig als Gala-Vorstellung mit der prominenten Besetzung Evdokimova und Nurejew aus Anlass des Staatsbesuchs des Königs von Jordanien angekündigt. Der Tagesspiegel meldet am 6. November 1978:
«Es kam zu Tumulten, als Karten für den Ballettabend am 9. November verkauft werden sollten. An diesem Abend wird der russische Tänzer Nurejew die Rolle des Prinzen in einer Giselle-Aufführung übernehmen; und unter den Zuschauern wird auch der jordanische König Hussein mit seiner Begleitung sein. Deshalb stand der gesamte Rang nicht für den freien Verkauf zur Verfügung. Kurz vor Kassenöffnung wurde der Kassenraum fast gestürmt. Die Türschließer waren dem Ansturm gegenüber machtlos. Sie wurden einfach ‹überrannt›, heißt es dazu in der Deutschen Oper.»
Nach diesem Ereignis wurden für den folgenden Januar 1979 gleich drei weitere Giselle-Vorstellungen in derselben Starbesetzung geplant. Während dieser Serie sagte Nurejew kurzfristig eine Aufführung ab, und wieder kam es zu Tumulten, als Ballettdirektor Gert Reinholm Teile des aufgebrachten Publikums im Foyer beschwichtigen musste, die ihr Geld zurückverlangten. Zeitzeug*innen berichten, dass keine dieser Vorstellungen pünktlich beginnen konnte, da Nurejew alle seine choreographischen Passagen vor Beginn der Aufführung einmal durchtanzen wollte. Und nicht nur das: Auch war es seine Gewohnheit, mit mindestens einer halben Stunde Verspätung, oft erst zum eigentlichen Zeitpunkt des Vorstellungsbeginns im Theater einzutreffen.
1981 tanzt das Ballett der Deutschen Oper Giselle mit Evdokimova und Nurejew am 14. und 15. Oktober im ICC, auf der überdimensional breiten Bühne (bei wenig Tiefe) und vor gewaltigem Auditorium.
in Giselle an der Deutschen Oper Berlin [1] Erster Akt mit Eva Evdokimova (Foto: Archiv Ilse Buhs/Jürgen Remmler/© DTM Deutsches Theatermuseum München) // [2] im Schlussapplaus mit Eva Evdokimova (Foto: kranichphoto/© Stiftung Stadtmuseum Berlin) // [3] Auftritt zweiter Akt (Foto: Archiv Ilse Buhs/Jürgen Remmler/© DTM Deutsches Theatermuseum München)
1979 Nureyev and Friends
Am 22. und 23. Januar kommt Rudolf Nurejew mit seinem eigenen Projekt Nureyev and Friends als Gastspiel nach Berlin und tanzt auf der Bühne der Deutschen Oper ein gemischtes Programm mit ausgewählten Gästen, darunter Pierrot lunaire (Choreographie: Glen Tetley), Le Corsaire Pas de deux (Choreographie Marius Petipa nach Jules Perrot, mit Alexandra Radius), Auréole (Choreographie: Paul Taylor, u.a. mit Charles Jude), Lieder eines fahrenden Gesellen (Choreographie: Maurice Béjart, mit Jean Guizérix). Rund um dieses Gastspiel präsentiert die Deutsche Oper «Ballett-Tage», erweitert das Programm und lenkt die Aufmerksamkeit auf die eigene Kompanie.
Mehr dazu im Opern-Journal der DOB
auf Seite 1 im Foto rechts und unten auf Seite 2.
[Seite 2] Das Programm zeigt den alten und den neuen Nureyev, d.h. den klassischen und den modernen Tänzer. Während Nureyev sich in der Perrot/Petipa-Choreographie Le Corsaire noch einmal so zeigt wie man ihn kennt, bieten die anderen Choreographien, die alle eigens für ihn geschaffen wurden, einen gewandelten Nureyev, der dem Modern Dance huldigt. So vereinigt der Abend drei Meisterwerke dreier weltberühmter Tanzschöpfer: Glen Tetleys Pierrot Lunaire zur Musik von Arnold Schönberg, Paul Taylors Auréoles zur Musik von Händel und Maurice Béjarts Lieder eines fahrenden Gesellen zur Musik von Gustav Mahler. Der Abend Rudolf Nureyev and friends (sic!) wird am 22. und 23. Januar [1979], ebenfalls jeweils um 20 Uhr, gegeben.
Damit bei unseren Ballett-Tagen im Januar nicht der falsche Eindruck entsteht, dass das Ballett der Deutschen Oper Berlin nur der Klassik oder dem Neoklassizismus geweiht ist, und damit Nureyev und seine Freunde nicht als die einzigen Vertreter des Modern Dance in diesem Monat dastehen, zeigen wir sozusagen um des künstlerischen Proporzes willen, unser modernes Ballettprogramm, das vier Klassiker der zeitgenössischen Choreographie an einem Abend vereinigt: am 17. Januar, wiederum um 20 Uhr. Auf dem Programm stehen Maurice Béjarts Sinfonie für einen einsamen Menschen, Kurt Jooss' Jahrhundertwerk Der grüne Tisch und zwei Meisterwerke des holländischen Ballettschöpfers Hans van Manen: Twilight zur Musik von John Cage und Adagio Hammerklavier zur Musik von Beethoven. Alles in allem ein reichhaltiges, farbiges Angebot, in dem viele Stile und Epochen der Musik und des Tanzes vertreten sind. Zugleich ein Wiedergutmachungs-Versuch für alle Nureyev-Fans, die am 9. November vergeblich um Karten anstehen mussten.
Edmund Gleede


1979 Der Nussknacker
Am 3. November bringt Rudolf Nurejew seine eigene Version von Der Nussknacker zur Premiere an der Deutschen Oper Berlin. Die erste Einstudierung seiner Fassung war am Königlichen Opernhaus in Stockholm (1967) herausgekommen, anschließend beim Royal Ballet in London (1968), an der Mailänder Scala (1969) und am Teatro Colón in Buenos Aires (1971). Für Berlin entwarf Nicholas Georgiadis eine opulente Ausstattung. Dramaturgisch werden in dieser Version Drosselmeyer und Nussknacker-Prinz von ein und demselben Tänzer verkörpert, selbstverständlich tanzte Rudolf Nurejew die Doppelrolle zur Premiere selbst. Als Clara gastiert Merle Park. Sie hatte diese Rolle 1968 mit Nurejew für dessen Nutcracker beim Royal Ballet in London erarbeitet.
1980 Der Idiot
Als am 25. Juni 1979 das Ballett Der Idiot von Valery Panov nach dem Roman von Dostojewski zu Musik von Dmitri Schostakowitsch an der Deutschen Oper uraufgeführt wird, spendet das Publikum mehr als vierzig Minuten lang Applaus, ein überragender Erfolg. Panov selbst tanzt die Rolle des verdorbenen Rogoschin, Vladimir Gelvan interpretiert den Fürsten Myshkin. Für ein vierwöchiges USA-Gastspiel studiert Rudolf Nurejew die Rolle des Myshkin ein und tanzt eine Vorstellung des Balletts auch in Berlin. Ihm war sehr wichtig, in diesem Stück aufzutreten, so berichten Zeitzeug*innen, und tatsächlich war auch das Interesse aus den USA bereits vor der Reise ungewöhnlich groß. Das Gastspiel an der New Yorker MET wird in Teilen zwiespältig aufgenommen, die überbordende Emotionalität der Aufführung beherrscht die Rezensionen, allerdings als ein Kritikpunkt.
Nurejew und Panov wiedervereint
Die New York Times berichtet aus Westberlin am 4. März 1980
Westberlin, 3. März – Rudolf Nurejew und Valery Panov, die ehemaligen Stars des Kirow-Balletts, standen gestern Abend zum ersten Mal seit zwanzig Jahren wieder gemeinsam auf der Bühne. Aufgeführt wurde Panovs abendfüllendes Ballett Der Idiot nach Dostojewskis Roman. Die beiden männlichen Hauptrollen ermöglichten Panov und Nurejew ungewöhnliche Pas-de-deux-Konstellationen.
Nurejew tanzte die Rolle des Fürsten Myshkin, Panov die des Parfion Rogoschin. Das Ballett feierte im Juni letzten Jahres Premiere an der Oper und brach seitdem alle Kassenrekorde. Nurejew war jedoch noch nie zuvor darin aufgetreten. Als der Vorhang für Der Idiot fiel und das Publikum jubelte, küssten und umarmten sich die beiden und genossen sichtlich ihren Moment des Triumphs und der Wiedervereinigung.
Herr Panov, der 1977 als Gastchoreograph und -tänzer auf Honorarbasis zum Ballett der Berliner Oper wechselte, freute sich, seinen Landsmann für die Rolle des Myshkin gewonnen zu haben. Herr Nurejew, der in diesem Monat 42 Jahre alt wird, verließ das Kirow-Ballett 1961. Herr Panov, 40 Jahre alt, emigrierte 1974 mit seiner Frau Galina Panov, selbst ein gefeierter Ballettstar, aus der Sowjetunion. Sie tanzte die Rolle der Aglaja, eine der weiblichen Hauptrollen, während Eva Evdokimova, die Berliner Primaballerina, die Nastassja, die andere Hauptrolle, verkörperte. Beide Stars begannen ihre Karrieren in Leningrad beim Kirow-Ballett und gehörten zuvor zu den Besten ihres Jahrgangs an der Kirow-Ballettakademie. Doch seit ihrer Ankunft im Westen hatten sich ihre Wege nicht mehr gekreuzt.
Nurejew, der sich im vergangenen Herbst bei einer Aufführung des Nussknacker in Berlin einen kleinen Knochen im Fuß gebrochen hatte, wirkte ausnahmsweise in vollständig guter körperlicher Verfassung. «Es ist wunderbar, die Präsenz dieses Mannes und seine athletische Stärke zu erleben», sagte der Berliner Kritiker Herwig Rhode, «aber die Zärtlichkeit, die er in den lyrischen Szenen zum Ausdruck brachte, schien ein neues Element zu sein und ließ ihn in einem weiteren Bereich hervorstechen.»


1984 La Sylphide
Mit der zehn Jahre jüngeren Eva Evdokimova hatte Nurejew La Sylphide in verschiedenen Fassungen schon vor dem Berliner Auftritt am 21. März 1984 getanzt. Auch sie hatte, wie Nurejew, verschiedene Stilrichtungen studiert und aufgeführt. In den späteren Jahren seiner Laufbahn wurde Eva Evdokimova aufgrund ihrer Versatilität und großen Ausdruckskraft zu einer seiner Lieblingspartnerinnen.
Eva Evdokimova und Rudolf Nurejew tanzen am 21. März 1984 die Hauptrollen in Peter Schaufuss' La Sylphide. Das Ballett der Deutschen Oper Berlin schließt mit dieser Version an die dänische Tradition von August Bournonville an.
Nurejew gab sein Debüt als James bereits 1965 in Toronto, wo er an der Seite von Lynn Seymour den verletzten Erik Bruhn ersetzte. Bis dahin hatte er mit Margot Fonteyn eine Gala-Variante getanzt. Die männliche Hauptrolle wurde zu einer seiner bevorzugten Rollen, insbesondere mit der italienischen Primaballerina Carla Fracci als Partnerin. Seine bevorzugte Fassung stammte von dem Pariser Choreographen Pierre Lacotte, die «nach Taglioni» die französische Traditionslinie in einer Neuinszenierung fortschreiben sollte. Partnerin für diese Version in Paris ist Ghislaine Thesmar.
1992 Dornröschen
Als die Mauer gefallen war, erhielt das Ballett der Staatsoper Unter den Linden Nurejews Dornröschen von der Wiener Staatsoper, und zwar komplett mit Kostümen und Dekor (von Nicholas Georgiadis). Nurejew hatte Patricia Ruanne und Patrice Bart mit der Einstudierung beauftragt und die Endproben selbst geleitet. Zur Premiere am 29. Februar 1992 stand er als Carabosse selbst auf der Bühne – beim nicht enden wollenden Applaus sichtlich bewegt, die Grenzen des Kalten Krieges endgültig hinter sich lassen zu können und bereits von schwerer Krankheit gezeichnet, wie Zeitzeug*innen berichten. Dies war einer seiner letzten szenischen Auftritte überhaupt.
Patricia Ruanne erinnert sich an seine Rollen-Interpretation, tatsächlich war es sein Debüt als Carabosse: «Rudolf sah wie eine überkandidelte Alte aus und brach alle Regeln, die er bezüglich der erforderlichen Subtilität von Charakterrollen selbst aufgestellt hatte. Ich wusste jedoch, dass ihm das großen Spaß machte.» [Kavanagh, 2008]

«Alles ist Ritual. Ausgenommen der Prinz, der ist Wirklichkeit.»
Rudolf Nurejew 1992 über Dornröschen
Von Petipas Balletten ist Dornröschen das Ballett der Ballette. Schon meine erste Lehrerin nannte es immer die Königin der Ballette. Es ist das gewaltigste, schwerste und umfangreichste. Wenn eine Kompanie in der Lage ist, Dornröschen zu tanzen, dann hat sie gültigen Wert.
Es ist jetzt [1992] schon mehr als ein Vierteljahrhundert her, dass ich Dornröschen in Mailand inszeniert habe. Manches würde ich vielleicht anders machen, zum Beispiel im Prolog, wo viele verschiedene Elemente miteinander vermischt sind. Zum goldenen Fond der Aufführung gehören alle übernommenen Passagen der Petipa-Choreographie.
Für Aurora hat Petipa unwahrscheinlich schöne Tänze erfunden, das kann man nicht besser machen. Auch die Frauenvariationen sind alle so geblieben wie bei Petipa, das war seine große Stärke.
Verändert habe ich die Anzahl der Feen. Wie viele Inszenierungen habe ich gesehen, in denen die Feen mit der Fliederfee an der Spitze – alle im Tutu – dem Täufling ihre guten Wünsche darbringen, aber wenn Carabosse auftritt, können sie alle nichts ausrichten. Sie bedeuten der Carabosse, sie solle endlich schweigen und gehen, aber sie hat weder geschwiegen, noch ist sie gegangen. Und immer in dem Moment, wenn die Carabosse anfing zu toben, glänzte die Fliederfee durch Abwesenheit, sie stand in der Seitengasse. An dem ganzen dramatischen Geschehen bis zum Spindelstich nahm sie gar nicht teil, sie kam nur am Schluss wieder aus der Kulisse hervor und erteilte ihren Segen. Ich habe mir Bilder von Maria Petipa angesehen, die in der Uraufführung die Fliederfee getanzt hat. Sie trug ein sehr voluminöses Kostüm. Ich finde, dass sich der Kampf der beiden Gegenpole Fliederfee und Carabosse auf einem gleichen Niveau abspielen muss, und das drückt sich auch im Volumen ihrer Kostüme aus. Es kann nicht die eine im Tutu erscheinen und die andere in langen Kleidern. Ich habe also den vielen Feen die Macht genommen und ihre Anzahl reduziert auf zwei, die gute und die böse. Die übrigen Variationen, die sonst von den Feen getanzt werden, führen Hoftänzerinnen in einem Divertissement vor.
Am meisten Veränderungen hat in meiner Inszenierung die Partie des Prinzen Désiré erfahren. Ich habe die Prinzen in den Balletten, die ich im Westen nach dem Kirow-Vorbild inszeniert habe, zuerst alle selbst getanzt und mir dabei hohe Anforderungen gestellt, weil ich meinen Standard erhalten und ständig verbessern wollte. So erweiterte ich die Rolle des Prinzen Désiré sehr stark. Petipa hat sie stiefmütterlich behandelt. Der Tänzer der Uraufführung, Pavel Gerdt, war damals schon an die 50 Jahre alt und tanzte keine Variationen. Im Finale hat er in der Mazurka ein bisschen mitgetanzt und sich dann den Schnurrbart gewischt.
Mein Prinz Désiré fordert von einem Tänzer die Beherrschung einer großen Skala allerschwierigster technischer Finessen, ein hohes Maß an Sensibilität und feiner Expression. Ich habe diese Rolle immer über alles geliebt, und wenn es mir leid tut, dass ich nicht mehr tanzen kann, dann vor allem wegen dieser Rolle.
Prinz Désiré sucht im tiefen Märchenwald nicht nur Dornröschen, er sucht sich selbst. Alles ist Ritual. Ausgenommen der Prinz, der ist Wirklichkeit.
[Egon Bischoff, Ballettdirektor der Deutschen Staatsoper Berlin, und Dramaturgin Ines Helmstädter führten 1992 Gespräche mit Rudolf Nurejew während der Probenphase zu Dornröschen und fassten diese für das Programmheft zusammen.]
Rudolf Nurejew für Proben zu seinem Dornröschen in den Ballettsälen der Staatsoper Unter den Linden: [1] und [2] mit Victoria Lahiguera (Prinzessin Aurora) und Jörg Lucas (Prinz Desiré) [3] mit Patricia Ruanne, Patrice Bart und Egon Bischoff (im Hintergrund). Fotos: Christine Gruchot

«Kunst braucht Widerspruch, um sich vorwärtszuentwickeln.»
Aus Gesprächen mit Rudolf Nurejew
Egon Bischoff, Ballettdirektor der Deutschen Staatsoper Berlin und seit gemeinsamen Jahren an der Leningrader Ballettakademie mit Nurejew befreundet, und Dramaturgin Ines Helmstädter führten 1992 Gespräche mit Rudolf Nurejew während der Probenphase zu Dornröschen und fassten diese fürs Programmheft zusammen.
Kunst braucht Widerspruch, um sich vorwärtszuentwickeln. Ein vehementer Wettstreit zwischen verschiedenen Kunstrichtungen wirkt immer belebend und fruchtbar. Neues, Interessantes entsteht manchmal auch durch die Verbindung der gegensätzlichen Pole. Bei den Russen war Widerspruch nicht üblich, Widersacher wurden ausgeschaltet. Wenn ich bedenke, was für einen großen Eindruck die Duncan seinerseits in Russland hinterlassen hat! Aber was ist davon übriggeblieben? Oder von anderen modernen Strömungen wie [Kasjan] Golejsowski [1892–1970] oder [Fjodor] Lopuchow [1886–1973]. Die moderne Schule, was man auch darunter verstehen mag, konnte sich nicht entfalten.
Auch für den Tänzer spielt die Antithese eine große Rolle. Es ist wichtig, offen zu sein für verschiedene Kunstrichtungen, Schulen, Stile. Alles Neue in sich aufsaugen und verdauen. Ich hielt die russische Schule, den Kirow-Stil immer für das Beste, was es gibt. Natürlich ist er auf seine Art das Beste, was es gibt, aber es gibt noch so viel anderes auf der Welt! Um das kennenzulernen, ging ich 1961 in den Westen.
Der russischen Schule fühle ich mich natürlich verbunden, ich habe bei meinem Pädagogen an der Schule und am Kirow-Theater mein Rüstzeug für meinen Beruf erhalten. Mit großer Dankbarkeit erinnere ich mich an meinen Pädagogen Alex Iwanowitsch Puschkin [1907–1970, Lehrmeister u.a. auch von Mikhail Baryshnikov]. Täglich in seine Stunden zu gehen, war eine heilige Handlung. Wir haben jede Sekunde genutzt. Er hat nicht viel erklärt, er vergab nicht so leicht seinen Erfahrungsschatz, wohl meist nur dort, wo es sich lohnte. Man musste sein Wissen richtig aus ihm herausquetschen. Ich habe damals in der Schule und später beim Kirow alle meine Variationen, Pas de deux usw. zuerst selbst einstudiert und bis zu einem gewissen Grad erarbeitet. Erst später habe ich ihn gebeten, mit mir täglich abends alles durchzugehen. Sein Rat war mir teuer. Puschkin wollte immer erreichen, dass meine Beine, meine Füße sprechen, mein ganzer Körper spricht und dass ich dem Auditorium etwas hinübersende. Und das Ergebnis war sein großes Erstaunen.
Einen entscheidenden Einfluss hatte Natalia Dudinskaja [1912–2003] auf mich, ihre Art zu tanzen. Vielleicht würde ich heute anders denken, sähe ich Filme von ihr. Aber damals stellte sie für mich die höchste Stufe klassischen Tanzes dar. Mit ihr und durch sie habe ich alle klassischen traditionellen Ballette sehr genau gelernt. Ich habe alles im Kopf. Dudinskaja halte ich für eine der besten Pädagoginnen der Welt. Sie lehrte gute und schnelle Fußarbeit, was bei den Russen nicht immer der Fall ist, sowie Ausdauer. So konditioniert sie die Ballerinen in der täglichen praktischen Arbeit, und das ist sehr wichtig, um im entscheidenden Moment zu bestehen.
Ein gutes Ergebnis ist die Summe vieler Einflüsse. Ich kam nicht nur in den Westen, um meine Fähigkeiten auch hier unter Beweis zu stellen, sondern ich kam auch, um selbst zu lernen. Ich fuhr immer wieder nach Kopenhagen und nahm Stunden bei Vera Volkova [1905–1975, Lehrmeisterin u.a. von Erik Bruhn, Carla Fracci, Margot Fonteyn], einer Freundin meines verehrten Pädagogen Puschkin. Obwohl ich viel Anerkennung fand, – die ganze Welt lag mir zu Füßen –, sah ich bei vielen Tänzern Dinge, die ich auch noch beherrschen wollte. Ich arbeitete an meiner Linie, an bestimmten technischen Feinheiten, die eben dann nur ich zeigte.
Paul Taylor [1930–2018] machte 1963 einen großen Eindruck auf mich. Ich beschloss, bei ihm zu lernen. Er nahm mich erst nicht für voll und dachte, ich würde spaßen. Da habe ich ihm bewiesen, dass es mir ernst war, und er kreierte Ballette für mich. Mein Horizont und mein Verständnis vom Tanz erweiterten sich kolossal. Plötzlich verstand ich auch viel besser die Bedeutung anderer Großer wie [Martha] Graham, [Merce] Cunningham usw. Interessant war es mit Martha Graham [1894–1991]. Sie akzeptierte mich so, wie ich war. Sie sagte: «Du bist einmalig, geh raus, und du wirst es richtig machen.» Sie schenkte mir einige Ballette, in denen ich unter ihrer Obhut völlig frei war. Sie akzeptierte völlig meine technischen Mittel, «du musst die meinen nicht lernen». Mats Ek hat eine phantastische neue Giselle gemacht. Wenn man eine neue Idee hat und so viel Phantasie, eine neue farbige Sprache zu finden, dann kann man die Klassiker neu machen.
Balanchine hat eine Synthese zwischen den Stilen geschaffen und damit den Tanz in unserem Jahrhundert ungeheuer bereichert. Er hat außerdem die Choreographie zu einer Wissenschaft gemacht, ebenbürtig der Musik. Oder jetzt Forsythe, der alle Fesseln sprengt und mit Bewegungen philosophiert. Eine neue Epoche.
Das wichtigste ist, dass das Ballett in seiner Sprache nicht verarmt. Unter Sprache verstehe ich alle «pas», die Bewegungen im weitesten Sinne. Oft haben sich die Choreographen etwas ausgedacht, was sie aber mit ihren Bewegungen nicht vermitteln. Das Publikum versteht es nicht. Bei Pina Bausch sehe ich Theater, weniger Tanz. Ihre Ideen sind interessant, aber was für eine Sprache haben ihre Tänzer? Ich bedaure, dass sie den Tanz selbst so wenig weiterentwickelt. Sie hat eine neue Form hervorgebracht, aber keine neue Sprache. Mitunter schockiert sie das Publikum und provoziert. Wenn wir meinen, dass das nötig sei, dann ist das vielleicht ein neuer Weg in der Kunst. Ich bin dankbar für all die Vielfalt, die ich kennenlernen und mitgestalten durfte. Ein großes Ereignis war für mich das Treffen mit Margot Fonteyn. Ashton schuf Ballette für mich, auch Balanchine und Glen Tetley oder Tudor. Ich konnte die Geister anregen und herausfordern, ein großes Glück für mich.
Die Tradition, in der ich aufgewachsen bin, hat mich an einem bestimmten Punkt angefangen zu stören und einzuengen. Ich trat am Platz. Und so geht es in Russland vielen Künstlern trotz aller guten «Grund-Schule» heute noch, glaube ich. Trotzdem fühle ich mich der Tradition verpflichtet. Uns Vertretern der Klassik kommt die Verantwortung zu, so viel wie möglich vom «Alten» zu erhalten und es zu pflegen. Auch in der strengsten Form gilt es, Seele zu offenbaren, und vielleicht ist gerade das so schwer, und deshalb fängt man gar nicht erst damit an!
[Egon Bischoff war 1953 als Student an die Waganowa Ballett-Akademie nach Leningrad entsandt worden und teilte dort mit Rudolf Nurejew von 1955 bis 1958 sowohl die Unterkunft als auch die Klassen beim gemeinsamen Lehrer Alexander I. Puschkin.]
letzter Auftritt in Berlin
Am 21. Juni 1992 kehrte Nurejew noch einmal nach Berlin zurück, um an der Deutschen Oper Berlin im Rahmen einer Ballett-Gala zu dirigieren: Den Programmpunkt Lieder eines fahrenden Gesellen (Choreographie: Maurice Béjart) hatte er selbst über viele Jahre hinweg getanzt.

1994 Raymonda
Michaël Denard, Ballettdirektor der Staatsoper Unter den Linden, holt Rudolf Nurejews Raymonda in den Spielplan. Rudolf Nurejew hatte das ganze Werk zuerst 1964 für das renommierte «Festival zweier Welten» im italienischen Spoleto herausgebracht und es im Laufe seines Lebens insgesamt fünf Mal neu inszeniert. Das Ballett der Staatsoper Unter den Linden präsentiert die Fassung, die er zuletzt für die Pariser Oper erarbeitet hatte. Die Einstudierung besorgte Denard selbst (er hatte die Rolle von Jean de Brienne in Paris getanzt). Unterstützt wurde er von Brigitte Thom und Eugène Polyakov, seinerseits Connoisseur der Arbeiten Nurejews in Paris.
Raymonda (Ausstattung: Nicholas Georgiadis) an der Staatsoper Unter den Linden 1994: [1] Torsten Händler (Abderachman) mit Beatrice Knop, Bettina Thiel und Barbara Schroeder [2] Bettina Thiel (Raymonda), Oliver Matz (Jean de Brienne) und Damen des Corps de ballet in den prachtvollen Tutus von Nicholas Georgiadis [3] Bettina Thiel und Oliver Matz [4] Bettina Thiel (Raymonda) und Torsten Händler (Abderachman) [5] Bettina Thiel (Fotos Marion Schöne)
in memoriam
«Es war unmöglich, Nurejew zu übersehen»
Klaus Geitel am 6. Januar 1996
Buch-Rezension [Peter Watson, Rudolf Nurejew. Die Biographie, Düsseldorf 1996] erschienen in Die Welt
Er [Rudolf Nurejew] hat die soziale Stellung des Tänzers in den Augen der Öffentlichkeit bedeutend gehoben. Er hat dem Tanz neue Zuschauerschichten in bis dahin ungeahnter Menge zugeführt. Er war der fleischgewordene Fleiß, die Unermüdbarkeit in Person. Ich traf ihn einmal vor einer Vorstellung in San Antonio, Texas, [während eines Gastspiels der Deutschen Oper Berlin] bei Tische sitzen. Er nannte sich feixend den «Methusalem des Tanzes»; außerdem litt er an einer Beinverletzung. Er stützte sich schwer auf meinen Arm, als er ins ausverkaufte Theater hinüberhinkte. Er tanzte; nicht gerade wie ein Gott an diesem Abend, aber immerhin doch respektgebietend. Danach hinkte er ins Hotel zurück.
Er war witzig, geizig, intelligent. […] Er war tatsächlich von Kopf bis Fuß ein Theatertier. Er besaß, ob er nun tanzte oder nicht, eine unglaubliche Bühnenpräsenz: eine Strahlkraft, die sofort über die Rampe flog und unwiderstehlich alle Augenpaare auf sich zog. Es war unmöglich, Nurejew zu übersehen. Ich fand ihn immer sehr liebenswürdig, einfach und lauter. Nie biss er mir gegenüber den Star heraus. Er war nicht wichtigtuerisch; er war tatsächlich wichtig. Er wusste es und ritt deshalb nicht weiter darauf herum. Es ging mir mit ihm wie auch mit Karajan oder Bernstein. Sie wussten alle drei, dass ich nichts von ihnen erwartete, weder Förderung noch gesellschaftlichen Glanz. Ich bewunderte auf eher heitere Art ihre Kunst, und das genügte ihnen wie mir. Das war sicherlich anders, wenn Nurejews Ehrgeiz mit dem der Kolleginnen und Kollegen zusammenstieß; wenn die Gefühle aufrauschten, wie die Nurejews für den Dänen Erik Bruhn, den bedeutendsten klassischen Tänzer der Zeit. […]
Mir jedenfalls wird sein Auftritt mit Margot Fonteyn in Giselle für Zeit und Ewigkeit unvergesslich bleiben. Er warf über die Bühne ein Netz von schierer Magie. Er zelebrierte in aller Simplizität atemberaubende Geheimnisse – und blieb dabei doch stets selbst ein Geheimnis. Er war inmitten aller Geselligkeit ein einsamer Wolf, ein «Loner», ein Sieger, unausweichlich dazu verdammt, auf der Verliererstraße dahinzutanzen und dieses Schicksal zu akzeptieren, wenn auch sicherlich nicht mit Freuden.
Ich saß mit ihm des Abends zu Tisch, bei Egon Bischoff, dem Ballettdirektor der Deutschen Staatsoper Berlin, dem Jugendfreund aus gemeinsamen Leningrader Balletttagen, und es lag stille Trauer um ihn. Einige Zeit vorher hatte ich ihn in sein Kurfürstendamm-Hotel heimgebracht. Er wirkte müde und abgespannt. Er bat mich in sein Zimmer hinauf. Er dachte aber gar nicht daran, sich schlafen zu legen, obwohl er mit dem ersten Flugzeug am nächsten Morgen die Stadt wieder verließ. Zu meiner größten Überraschung zog er sich plaudernd um, verabschiedete mich vor dem Hotel und ging, weit nach Mitternacht, seines einsamen, menschenleeren Weges. Ich sah seine schmale Silhouette sich in der Ferne verlieren. Es war tatsächlich, als schritte er damals schon hinein in den Tod.
«Sein einziges Leben war die Bühne, und nichts als sie.»
Gerhard Brunner am 28. Februar 2009
erschienen in Neue Zürcher Zeitung in der Buch-Rezension [Julie Kavanagh, Rudolf Nurejew. Die Biographie, Berlin 2008]
«Wie niemand sonst im 20. Jahrhundert, Waslaw Nijinsky allenfalls ausgenommen, war der Tänzer Nurejew so etwas wie die Personifikation des künstlerischen Eros, die mit dem Begriff ‹feminine Qualität› ganz unzureichend beschrieben ist. Nurejew schaute sich von den großen Ballerinen ab, was er nur abschauen konnte, von Galina Ulanowa beispielsweise das Laufen, aber als Tänzer wirkte er maskulin. Darüber hinaus ist seine Leistung längst historisch. Er hat für den Tanz getan, was Maria Callas für die Oper leistete. Er hat eine alte Kunstform neu belebt und in die Welt getragen. Er hat Millionen von Menschen für den Tanz begeistert. Seine Identifikation mit dieser Kunst war total. Sein einziges Leben war die Bühne, und nichts als sie. Natürlich war ihm der Glamour wichtig, aber allein deshalb, weil er ihm die Wege auf die Bühnen ebnete.»
[Gerhard Brunner, Journalist, Kurator, Intendant und von 1976 bis 1990 Ballettdirektor der Wiener Staatsoper, wirkte daran mit, dass Rudolf Nurejew die österreichische Staatsbürgerschaft erhielt und dass er in Wien die Möglichkeit zu dirigieren bekam. Mehr als 16 Jahre war er Rudolf Nurejew freundschaftlich verbunden.]

2026 Nurejew
Der Regisseur Kirill Serebrennikov und der Choreograph Yuri Possokhov haben für das Staatsballett Berlin ihre Moskauer Produktion Nurejew neu einstudiert. Erstmals ist das Stück über den bedeutenden Tänzer Rudolf Nurejew außerhalb Russlands auf der Bühne zu sehen (Premiere: 21. März 2026), es wirken etwa 210 Künstler*innen mit, um in collagenartigen Bildern, die in fliegenden Wechseln entstehen, Facetten der Persönlichkeit des Ausnahmekünstlers aufzufächern.










