Rudolf Nurejew

*14.(?) März 1938 auf einer Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn
† 6. Januar 1993, Paris

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Rudolf Nurejew wird während einer Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn entlang des Baikalsees geboren. Die Geburt wird am 17. März amtlich in Rasdolnoje gemeldet. Die Eltern sind baschkirische Tataren. Von 1938 bis 1955 wächst er in Moskau und Ufa auf und macht erste Tanzerfahrungen im Volkstanz. Ersten Ballettunterricht erhält er mit elf Jahren in Ufa bei Anna Udelzowa, erste Auftritte mit dem Ensemble des Baschkirischen Theaters für Oper und Ballett in Ufa. Von 1955 bis 1958 studiert er am Choreographischen Institut Agrippina Waganowa in Leningrad (heute: St. Petersburg). Sein Lehrer wird bald Alexander I. Puschkin.

Nachdem er im November 1958, noch Student, den Nussknacker-Prinzen am Kirow-Theater getanzt hat, wird er Mitglied des Leningrader Kirow-Balletts, volle Anerkennung erfährt er durch den Auftritt mit der führenden Ballerina Natalia Dudinskaja in Laurencia. Sie gilt als Konkurrentin von Anna Shelest, die er zeitlebens als prägend verehren und mit der er ebenfalls regelmäßig auftreten wird. Er wird als Repräsentant einer neuen Generation des sowjetischen heroisch-lyrischen Tanzstils gefeiert. In der Folge tanzt er die Hauptrollen in Gajaneh, La Bayadère, Giselle, Don Quixote, Dornröschen und Schwanensee. Gleichzeitig gilt er als rebellisch, verändert seine Kostüme eigenmächtig, wehrt sich gegen das Tragen von Perücken, sucht nach eigenen Rollen Interpretationen und verändert Schritte in den von ihm getanzten Variationen. Er fällt mit seinen individualistischen Verhaltensweisen bei der Ballettleitung in Ungnade und weckt Misstrauen in politischen Kreisen.

1959 führen ihn erste Auslandsauftritte in den Westen zu den 7. Kommunistischen Weltjugendfestspielen in Wien. 1961 schließlich darf er an der Gastspielreise mit dem Kirow-Ballett teilnehmen, für die er nicht vorgesehen war, dessen Teilnahme die Delegation der französischen Gastgeber nach dem Besuch einer Vorstellung in Leningrad jedoch durchsetzen. In Paris wird er von Publikum und Presse auf Anhieb als Star bejubelt, seine Partnerin ist hier zumeist Alla Sizova. Ein Agenten-Team des KGB überwacht ihn rund um die Uhr. Am 17. Juni 1961, am Tag der Weiterreise des Ensembles, ersucht er am Pariser Flughafen Le Bourget politisches Asyl. Der Absprung eines sowjetischen Künstlers aus dem Regime wird zu diesem frühen Zeitpunkt des Kalten Krieges weltweit als spektakulär wahrgenommen.

Von diesem Moment an gilt Nurejew als bedeutendster Tänzer der zweiten Jahrhunderthälfte. Seine Erscheinung wird kontrovers aufgenommen. Auf der Bühne präsentiert er sein außergewöhnliches, wenn auch teilweise als unperfekt wahrgenommenes technisches Können, jenseits der Bühne stellt er seinen unberechenbaren Charakter und seine als erotisierend geltende Erscheinung unverhohlen zur Schau. Er wird durch Presse und Fernsehen zu einem internationalen Popstar des Balletts. Nur zwei Wochen nach seinem Asylgesuch (Ende Juni 1961) engagiert Marquis de Cuevas ihn in sein weithin bekanntes International Ballet, eine Tournee-Truppe, mit der er in London, 1962 in den USA debütiert. Während dieser Zeit (Juni 1961) begegnet Nurejew Erik Bruhn zum ersten Mal persönlich und nimmt Unterricht bei ihm, der Beginn einer lebenslangen, künstlerischen wie intimen Freundschaft. 1962 beginnt die künstlerische Partnerschaft mit der 19 Jahre älteren Primaballerina assoluta Margot Fonteyn, die ihn bis Mitte der Siebzigerjahre zugleich mit dem Royal Ballet verbindet. 1964 beginnt Nurejews Zusammenarbeit mit dem Ballett der Wiener Staatsoper (als Tänzer und Choreograph), Seine erste eigene Choreographie Raymonda präsentiert er zugleich auch beim wichtigen Spoleto Festival in Italien. 1966 entsteht sein erster Ballettfilm Le jeune homme et la mort von Roland Petit mit Zizi Jeanmaire als Partnerin.

Ab 1974 produziert und tanzt er eigene Programme unter dem Titel Nureyev & Friends und tritt weltweit mit nahezu allen bedeutenden klassischen Kompanien auf. Nurejew schlägt als Tänzer die Brücke zum modernen Tanz, indem er mit den Ensembles von Martha Graham, Paul Taylor und Murray Louis auftritt. Sein Repertoire umfasst späterhin rund 150 Partien. Er tritt pro Jahr rund 250 Mal auf. Choreograph*innen wie Frederick Ashton, Kenneth MacMillan, Roland Petit, Rudi van Dantzig, Paul Taylor, Maurice Béjart, Glen Tetley, Martha Graham, Murray Louis und George Balanchine kreieren Werke für ihn. Zugleich setzt er mit seinen Klassiker-Inszenierungen neue Maßstäbe für die Rezeption der Ballette des 19. Jahrhunderts. Er fungiert indirekt auch als Ballettmeister und als Neuerer des klassischen Balletts. Nurejew ist im Westen nie festes Mitglied eines Ensembles.

1976 stellt Nurejew in Ken Russels Spielfilm den Stummfilmstar Valentino dar, der weltweit in die Kinos kommt. 1982 wird ihm die österreichische Staatsbürgerschaft zuerkannt, und 1983 wird er als Ballettdirektor der Pariser Oper (bis 1989) berufen. Sein dortiger Spielplan ist geprägt von eigenen Werken, Klassiker-Inszenierungen und Auftragschoreographien zeitgenössischer Künstler*innen. Das Ensemble wird unter seiner Leitung als eines der führenden in der westlichen Welt wahrgenommen.

1984 Nurejew erkrankt an Aids. Die Nachricht gelangt auch in die Öffentlichkeit, er tanzt aber noch Jahre weiter. 1987 Michail Gorbatschow, Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, erlaubt Nurejew, seine sterbende Mutter in Ufa zu besuchen, die ihren Sohn nicht mehr erkennt. Erstmals kann er 1989, nach 28 Jahren im Exil, nocheinmal im Mariinsky-Theater auftreten. Trotz offensichtlicher Krankheit tanzt er fünf Vorstellungen (u.a. La Sylphide). 1991 wird ihm in das Debüt als Dirigent an der Wiener Staatsoper ermöglicht. Seinen allerletzten Auftritt als Tänzer hat er im Februar 1992 in Budapest in seinem Ballett Cristoforo, im Oktober desselben Jahres zeigt er sich in Paris im Schlussapplaus seiner Neupropduktion La Bayadère, sein allerletzter Auftritt in der Öffentlichkeit. Am 6. Januar 1993 stirbt er in Paris. Die Beisetzung findet am 12. Januar auf dem russischen Friedhof in Sainte-Geneviève-des-Bois statt. Nurejew galt nicht nur als herausragend prominenter Tänzer und Künstler, er hatte auch ein beachtliches Vermögen erwirtschaftet, das ihn zum reichsten Mann des Balletts machte. Sein Vermögen ging auf seinen Wunsch in die Nurejew-Stiftung ein. 

Uraufführungen seiner Klassiker-Inszenierungen
1963 Schatten-Akt aus La Bayadère (Royal Ballet)
1964 Raymonda (Royal Ballet)
1964 Schwanensee (Wiener Staatsoper)
1966 Dornröschen (Mailänder Scala)
1966 Don Quixote (Wiener Staatsoper)
1967 Der Nussknacker (Königlich Schwedisches Ballett)
1992 La Bayadère (Pariser Oper)
Diese Produktionen werden von zahlreichen anderen Ensembles übernommen.

eigene Choreographien
1966 Tancredi (Wiener Staatsoper)
1977 Romeo und Julia (London Festival Ballet)
1979 Manfred (Pariser Oper)
1982 The Tempest (Royal Ballet)
1984 Bach-Suite (gemeinsam mit Francine Lancelot)
1985 Washington Square (Pariser Oper)
1986 Cendrillon (Pariser Oper)

Pas de deux Einstudierungen
1962 Le Corsaire und Gajaneh
1963 Diana und Aktäon
1964 Grand Pas Paquita
1964 Pas de six Laurencia

Die wichtigsten Rollen
Apollo (George Balanchine)
Solor in La Bayadère (Nurejew nach Marius Petipa)
Junger Mann in Le jeune homme et la mort (Roland Petit)
Basilio in Don Quixote (Nurejew nach Marius Petipa)
Prinz Florimond und Blauer Vogel in Dornröschen (Nurejew nach Marius Petipa)
Geist in Le Spectre de la rose (Michail Fokin)
Albrecht in Giselle (Petipa nach Jean Coralli und Jules Perrot)
Wanderer in Lieder eines fahrenden Gesellen ( Maurice Béjart)
Manfred (Nurejew)
Armand in Marguerite et Armand (Frederick Ashton)
Prinz und Drosselmeyer in Der Nussknacker ( Nurejew)
Petruschka (Michail Fokin)
Ritter und Jean de Brienne in Raymonda (Yuri Slonimsky/Wassili Wainonen/Marius Petipa, später Nurejew)
Mercutio und Romeo in Romeo und Julia (Kenneth MacMillan, später Nurejew)
Prinz Siegfried in Schwanensee (diverse Fassungen, später Nurejew)
Goldener Sklave in Scheherazade (Michail Fokin)
James in La Sylphide (August Bournonville und Pierre Lacotte nach Paul Taglioni)
Les Sylphides (Michail Fokin)

[Benutzte Quellen:
Marilyn J. La Vine, A Chronology, nureyev.org/rudolf-nureyev-famous-roles-ballets-index/rudolf-nureyev-ballet-chronology/ The Rudolf Nureyev Foundation, www.nureyev.org
Andrea Amort (Hg.), Nurejew und Wien, darin: Wolfgang Oberzaucher, Die Biographie, Wien 2003
Pierre-Henri Verlhac (Hg.), Nurejew. Bilder eines Lebens, Berlin 2008.]