Egon Bischoff

*10. Juni 1934, Gotha
†5. Dezember 2018, Berlin

Tänzer, Choreograph und Balettdirektor

In Gotha am 10. Juni 1934 geboren, studierte Egon Bischoff das Fach Tanz an der Palucca Schule Dresden und vollendete sein Können an der Ballettakademie in St. Petersburg, dem damaligen Leningrad, wo er auch dem jungen Rudolf Nurejew begegnete. Ab 1958 tanzte er im Ballett der Staatsoper, bald als Solotänzer, ab 1960 als Erster Solotänzer, und interpretierte Hauptrollen des großen klassischen Fachs, darunter Schwanensee oder Romeo und Julia.
Bereits 1959 begann er, auch als Ballett- und Trainingsmeister zu arbeiten. In dieser Funktion übernahm er gemeinsam mit der Ballerina Ursula Collein — beide gehörten zu den allerersten Absolventen der Leningrader Ballettakademie — die Einstudierung der Originalchoreographie Schwanensee aus der sowjetischen Tradition, eine Fassung, in der Odette und Odile von derselben Ballerina interpretiert werden, seinerzeit eine Neuerung. Er verpflichtete die führenden Künstler- und Pädagogen-Persönlichkeiten der sowjetischen Ballettwelt nach Berlin. Zugleich beauftragte er Tom Schilling, Hermann Rudolph, Brigitte Thom oder Youri Vámos mit neuen Werken oder Neueinstudierungen.
Als engagierter Pädagoge trug er aber vor allem auch selbst aktiv dazu bei, die sowjetische Methodik des klassischen Tanzes nicht nur in die professionelle Ballettausbildung der DDR einzuführen, sondern auch als Grundlage für die künstlerische Arbeit des Balletts der Deutschen Staatsoper zu etablieren, welches unter seiner Leitung wegen seiner vollendeten technischen Brillanz und Homogenität des Ensembles auch international einen phantastischen Ruf genoss.

Egon Bischoff war von 1974 bis 1993 Ballettdirektor der Deutschen Staatsoper Berlin bzw. der Staatsoper Unter den Linden, und trug durch 18 Spielzeiten hindurch, mit einem Jahr Unterbrechung, die Verantwortung für die Kunstform Ballett an diesem Opernhaus. In seiner Ära brachte er die klassisch-akademische russische Schule zur Vollendung und beförderte in enger Zusammenarbeit mit der Berliner Staatlichen Ballettschule die Homogenität des Ensembles.

Seiner Aufgeschlossenheit ist es zu verdanken, dass ein Austausch zwischen den Ballettcompagnien der Deutschen Oper in West-Berlin und dem Ballett der Deutschen Staatsoper in Ost-Berlin verabredet wurde: 1989 zeigte Egon Bischoff mit seinem Ensemble George Balanchines Apollon musagète und Capriccio sowie Youri Vámos‘ Carmina Burana in der Deutschen Oper, und im Gegenzug präsentierte der damalige Ballettdirektor Gert Reinholm mit seiner Compagnie 1990 Maurice Béjarts Bolero und Roland Petits Les Intermittences du coeur in der Staatsoper Unter den Linden. Noch vor dem Fall der Mauer gelang es Egon Bischoff in den Achtzigerjahren, Choreographien von William Forsythe und erneut George Balanchine in den Ost-Berliner Spielplan zu nehmen, um dem Ensemble und seinem Publikum diese choreographischen Sichtweisen zugänglich zu machen. Als Choreograph trat er mit seinen eigenen Fassungen von Giselle oder Schwanensee in Erscheinung, die über lange Jahre erfolgreich im Spielplan blieben.

Mit allergrößtem Interesse verfolgte Egon Bischoff die Aktivitäten des Balletts in Berlin, auch nachdem er sich 1993 in den Ruhestand zurückgezogen hatte. Die Großzügigkeit, mit der er die Aktivitäten und Verdienste um die Kunstform Tanz in Berlin auch jenseits der Ära seines Wirkens anerkannte, ist bemerkenswert. Sein Instinkt, junge Talente im rechten Moment zu fördern, war eine seiner herausragenden Eigenschaften. Das Staatsballett Berlin kann sich glücklich schätzen, auch sein Erbe, ein sehr prägendes, im Gepäck zu haben. Mit seinem endgültigen Abtritt von der Bühne des Balletts gehen auch ein großer Wissensschatz und das Gefühl seiner wohlwollenden Neugierde und Wertschätzung verloren.

Egon Bischoff ist am 5. Dezember 2018, nur wenige Monate nach dem Tod seiner Frau Gisela Ambros, in Berlin gestorben.