Premiere

Der Liebhaber

Zusammenfassung

Choreographie von _Marco Goecke_\frei nach _Marguerite Duras_\Musik von _Claude Debussy_, _Maurice Ravel_, _Frédéric Chopin_ u. a.
Choreographie von Marco Goecke
frei nach Marguerite Duras
Musik von Claude Debussy, Maurice Ravel, Frédéric Chopin u. a.
Choreographie von Marco Goecke
frei nach Marguerite Duras
Musik von Claude Debussy, Maurice Ravel, Frédéric Chopin u. a.
Choreographie von Marco Goecke
frei nach Marguerite Duras
Musik von Claude Debussy, Maurice Ravel, Frédéric Chopin u. a.
Choreographie von Marco Goecke
frei nach Marguerite Duras
Musik von Claude Debussy, Maurice Ravel, Frédéric Chopin u. a.
Choreographie von Marco Goecke
frei nach Marguerite Duras
Musik von Claude Debussy, Maurice Ravel, Frédéric Chopin u. a.
Choreographie von Marco Goecke
frei nach Marguerite Duras
Musik von Claude Debussy, Maurice Ravel, Frédéric Chopin u. a.

Marco Goeckes Der Liebhaber basiert auf dem Roman L’Amant von Marguerite Duras aus dem Jahr 1984. In teilweise autobiografischen Fragmenten erzählt die Autorin von der Begegnung einer fünfzehnjährigen Französin mit einem deutlich älteren chinesischen Liebhaber im damaligen Kolonial-Indochina (heutiges Vietnam).

Während der Roman bei seinem Erscheinen Diskussionen über Sexualität, Abhängigkeit und koloniale Verhältnisse auslöste, richtet Goeckes Choreographie den Fokus bewusst auf die zwischenmenschlichen Dimensionen der Geschichte. Duras’ elliptische, fragmentarische Erzählweise, durchzogen von Erinnerungsschichten, stillen Beobachtungen und Zwischentönen, übersetzt Goecke in eine choreographische Sprache, die nicht die lineare Handlung nachzeichnet, sondern Gefühle und innere Konflikte in präzise gesetzten Bewegungsimpulsen austrägt: Sehnsucht, Schuld, Macht, Liebe und Verlangen werden in Bewegungen verdichtet, die den Körper als Medium der Erinnerung, der Begierde und der sozialen Zwänge sichtbar machen.

Musikalisch verschmelzen Kompositionen von Claude Debussy, Maurice Ravel, Frédéric Chopin, Unsuk Chin und Gabriel Fauré zu einer Klanglandschaft, die ebenso stark von Erinnerung und Imagination geprägt ist wie die literarische Vorlage.

Goecke, einer der einflussreichsten Choreographen der Gegenwart, hat mit über sechzig Stücken weltweit seine unverwechselbare Handschrift etabliert. In Der Liebhaber zeigt sich diese durch flirrende Bewegungen, impulsive Körperreaktionen und eine expressive Radikalität, die jedes Detail zur Aussage macht. Seine Inszenierung ist keine romantische Geschichte, sondern eine radikale, poetische Meditation über Sehnsucht nach Liebe, Abhängigkeiten und das Ringen um Selbstbestimmung.

Empfohlen ab 12 Jahren

Termine

2027
2027


 
Info

Staatsoper Unter den Linden
19.30 Uhr
Einführung zum Stück jeweils 45 Minuten vor der Veranstaltung
Staatsoper Unter den Linden
19.30 Uhr
Einführung zum Stück jeweils 45 Minuten vor der Veranstaltung
Staatsoper Unter den Linden
14.00 Uhr
Einführung zum Stück jeweils 45 Minuten vor der Veranstaltung
Staatsoper Unter den Linden
19.30 Uhr
Einführung zum Stück jeweils 45 Minuten vor der Veranstaltung
Staatsoper Unter den Linden
19.30 Uhr
Einführung zum Stück jeweils 45 Minuten vor der Veranstaltung
Staatsoper Unter den Linden
19.30 Uhr
Einführung zum Stück jeweils 45 Minuten vor der Veranstaltung
Familienvorstellung- & Workshop

12.00 Uhr

5

Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren zahlen bei Familienvorstellungen auf allen Plätzen 10 €.

Schon im Vorfeld können sich Kinder und Jugendliche in Workshops gemeinsam mit ihren Eltern mit einer altersgerechten Einführung auf den Ballettbesuch vorbereiten, mehr zur Handlung erfahren, die Charaktere kennenlernen und kurze Szenen aus dem Stück tanzen. Der Workshop findet zwei Stunden vor Vorstellungsbeginn statt.

 
Anmeldung erforderlich

Telefon: 030 34 384-166
E-Mail: contact@tanz-ist-klasse.de

«Für mich gibt es keine Liebe und keine Familie ohne Abhängigkeit.»

Marco Goecke im Gespräch

Christian Spuck (CS) Marco, Marguerite Duras’ Roman Der Liebhaber ist ein Text von fast schmerzhafter Intensität. Er ist fragmentarisch, introspektiv und tief melancholisch. Was genau hat dich an diesem Werk so berührt, dass du die Notwendigkeit verspürt hast, daraus ein Ballett zu machen?

Marco Goecke (MG) Duras begleitet mich schon sehr lange. Ich bin schon als Jugendlicher nach Paris gefahren, saß im Café de Flore, nur weil ich wusste, dass sie dort um die Ecke gewohnt hat. Ich wollte dieser Welt nahe sein. Von all ihren Werken ist Der Liebhaber vielleicht das Zugänglichste, auch wenn ihre Sprache immer etwas Offenes, fast Rätselhaftes behält. Ich habe mich immer gewundert, dass sich niemand an diesen Stoff herangetraut hat. Er bringt alles mit, was man für die Bühne braucht: Erotik, Gewalt, Einsamkeit, Familie.

Der Roman war für mich eine prägende Lektüre; diese Sehnsucht nach weiten, leeren Räumen, die Duras in ihren Texten erschafft und die ich in meinen Choreographien auch immer suche.

CS Der Roman lebt extrem von der Sprache, von inneren Monologen und der Unzuverlässigkeit der Erinnerung. Wie übersetzt man eine so introspektive Welt in den Tanz, wenn einem das Werkzeug der Sprache erst einmal fehlt?

MG Sprache spielt im Stück auch eine Rolle, aber sehr reduziert. Ich setze einzelne Worte und Sätze gezielt ein. Die Choreographie kann Zustände zeigen, die Sprache nicht mehr erreicht, gerade bei Erinnerungen, Begehren oder inneren Spannungen. Gleichzeitig bleibt immer das Risiko, missverstanden zu werden, doch das ist auch beim Lesen von Literatur so. Selbst wenn Worte eindeutig sind, bleibt vieles offen. Diese Offenheit interessiert mich besonders. Tanz kann Zustände zeigen, an denen die Sprache scheitert.


CS Wie eng bist du der literarischen Vorlage gefolgt? Gab es den Anspruch einer getreuen Nacherzählung, und wo beginnt deine eigene Interpretation?

MG Ich halte mich tatsächlich sehr nah an den Roman. Die Orte, die zeitliche Struktur und der Verlauf der Geschichte sind nachgezeichnet. Natürlich gibt es Momente, in denen ich mich löse, aber der Kern bleibt bei Duras. Mir ging es darum, die Geschichte körperlich zu erzählen, nicht sie neu zu erfinden.

CS Welche Themen aus dem Roman waren für dich zentral? Liebe, Begehren, Abhängigkeit, Erinnerung oder Schuld? Welche Rolle spielt dabei die koloniale Dimension?

MG Die koloniale Dimension hat mich weniger interessiert als die Abhängigkeiten der Personen. Die junge Frau ist abhängig von ihrer Familie, von gesellschaftlichen Erwartungen und zugleich von dieser Liebe zu dem älteren Mann. Für mich gibt es keine Liebe und keine Familie ohne Abhängigkeit. Das ist ein grundlegender menschlicher Zustand. Der Roman zeigt das sehr klar und schonungslos.

CS Am Ende des Romans steht der berühmte Anruf des Liebhabers viele Jahre später, der erklärt, er habe sie immer geliebt. Welche Bedeutung hat dieses Motiv für dein Stück?

MG Dieser Moment ist für mich der eigentliche Clou des Romans. Ob dieser Anruf wirklich stattgefunden hat, bleibt offen, aber Duras schenkt uns damit Hoffnung, dass Gefühle Zeit überdauern können, selbst wenn Leben auseinandergehen. Trotz aller Zerstörung, trotz des Geldes, des Hasses und der Jahrzehnte, die vergehen, bleibt etwas bestehen. Davon träumen wir doch alle. Diese Hoffnung, dass Liebe etwas Dauerhaftes haben kann.

Das hat mich tief berührt und ist für mich das Herz des Stücks. In meiner Umsetzung tritt am Ende die alte Dame auf, und plötzlich sind diese Jahrzehnte im Bruchteil einer Sekunde überwunden.

CS Deine Musikauswahl für Der Liebhaber ist sehr vielschichtig. Du verwendest Musik von Debussy, Ravel, Chopin, Unsuk Chin und Fauré. Wie kam es zu dieser Auswahl?

MG Bei der Musikauswahl habe ich viel recherchiert, aber auch von Experten profitiert. Laura Berman, meine Intendantin in Hannover, hat mir damals einige Stücke vorgeschlagen. Ich arbeite oft sehr intuitiv mit Musik, höre sie nicht endlos vorab, sondern lasse sie in den Proben auf mich wirken. Mich interessiert, was Musik emotional auslöst, nicht, sie analytisch zu zerlegen. Tanz entsteht für mich aus diesem unmittelbaren Kontakt.

Ich möchte mir Offenheit bewahren und mich nicht festlegen, bevor der Probenprozess beginnt. Manchmal höre ich die Musik erst während der Arbeit intensiver. Das birgt Risiken, etwa bei der Länge eines Stücks, aber genau diese Unsicherheit gehört für mich dazu. Ich brauche diese Spontaneität. Wenn man alles vorher zu Tode analysiert, verliert man den Moment.

Entnommen dem Spielzeitheft 26/27