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Tom Schilling

1928–2026

Das Staatsballett Berlin trauert um Tom Schilling. Der Choreograph und Leiter des Tanztheaters an der Komischen Oper Berlin von 1965 bis 1993 ist am 16. Januar im Alter von 98 Jahren gestorben. Nahezu drei Jahrzehnte lang prägte er die Berliner Tanz-Geschichte. Mit seinem Anspruch, Tanz müsse sich «als letztlich einzig mögliche Gestaltungsweise eines menschlichen Ereignisses legitimieren», so ein Bekenntnis Tom Schillings, eroberte er ein breites Publikum, und seine Arbeit wurde international genau beobachtet. Er hatte gerade nicht die Ballettomanen im Blick, sondern dachte sich das zu erreichende Publikum als Gruppe von Menschen, die durch den Besuch einer Ballettvorstellung berührt werden müssten. Tom Schilling und die Tänzerinnen und Tänzer des Tanztheaters der Komischen Oper Berlin wurde zu Identifikationsfiguren.


Tom Schilling studierte an der Dessauer Opernballettschule, bei Dore Hoyer, Mary Wigman und Olga Ilyina, tanzte jeweils einige Spielzeiten in den Ballettensembles in Dresden, Leipzig und Weimar, wo er schließlich auch zu choreographieren begann. 1956 bis 1964 wirkte er als Ballettdirektor und Chefchoreograph der Dresdner Staatsoper, ab 1965 an der Komischen Oper in Berlin. Verschiedentlich choreographierte Tom Schilling auch für andere Compagnien, das Grand Ballet Classique de France, Ballet de Wallonie, das Norwegische Nationalballett, das Ballett der Wiener Staatsoper oder das Moskauer Nemirowitsch-Dantschenko-Musiktheater. Im Mittelpunkt seiner Arbeit standen jedoch immer die Tänzerpersönlichkeiten seiner eigenen Kompanie, er erfand die Choreographien für sie und mit ihnen. Deshalb wurde nach dem Ende seiner Zeit an der Komischen Oper kaum je eines seiner Werke andernorts aufgeführt.

Er choreographierte eine große Zahl abendfüllender Ballette, darunter als deutsche Erstaufführungen Die Fontäne von Bachtschissarai (Assafjew, Weimar 1955), Die steinerne Blume (Prokofjew, Dresden 1960) und Fancy Free (Bernstein, Berlin 1971).

Zu seinen Berliner Erfolgen zählen Abraxas (Egk, 1966), Aschenbrödel (Prokofjew, 1968), Romeo und Julia (Prokofjew, 1972), außerdem Symphonie fantastique (Berlioz, 1967), La Mer (Debussy, 1968), Der Mohr von Venedig (Blacher, 1969), Undine (Henze, 1970), Match (Matthus, 1970), Schwarze Vögel (Katzer, 1975), Abendliche Tänze (Schubert, 1979) oder Wahlverwandtschaften (Schubert, 1983).

Tom Schilling wurde 1996 mit dem Deutschen Tanzpreis für sein Lebenswerk ausgezeichnet, er ist Träger des Verdienstordens des Landes Berlin und wurde 2002 in die Ehrengalerie der 101 Choreographen des 20. Jahrhunderts aufgenommen. Das Staatsballett Berlin ehrt Tom Schilling, indem eines seiner drei 2011 neu errichteten Ballettstudios seinen Namen trägt.

Tom Schilling war recht häufig zu Besuch, immer zu Premieren, gelegentlich auch in den Ballettsälen, er kommunizierte gern und berührte sein Gegenüber nicht nur mit großer Aufgeschlossenheit, sondern auch mit seiner übermäßigen Bescheidenheit. Eine seiner Überzeugungen, wie er sie 1986 äußerte, ist universell: «Entscheidend ist, wie wir durch das Theatererlebnis den Zuschauer und seine Gefühle ansprechen. Wenn Gefühle auf dem Theater fehlen, wird auch unsere Welt immer sachlicher. Unsere Tanztheaterarbeit geht vom Menschen aus und ist auf den Menschen gerichtet.» In dem Wissen, dass ein so starkes und kompromissloses Beispiel lebendiger Tanztheater-Praxis das Tanzschaffen in Berlin über Jahrzehnte hinweg tief bewegt hat, bewahrt das Staatsballett Berlin das Andenken an Tom Schilling in sehr großer Dankbarkeit.