Gemeinsame Pressemitteilung, Berlin am 17. Mai 2021

100 Tage Berliner Modell Tanz:

Tanzen mit Berührung und Nähe funktioniert wieder in Profi-Ensembles

Choreograph David Dawson mit Solotänzer Olaf Kollmannsperger, Foto: Yan Revazov Choreograph David Dawson mit Solotänzer Olaf Kollmannsperger, Foto: Yan Revazov
 

Erfolgreiche Umsetzung des Probe- und Trainingskonzepts an Berliner Bühnen

Seit Frühjahr 2020 sind die Berliner Bühnen, mit kurzzeitigen Ausnahmen, für den Publikumsverkehr geschlossen. Dessen ungeachtet sind Proben zu neuen Projekten, Stücken und Aufführungen im Hinblick auf die Öffnung von Theatern und zum Schutz der Gesundheit der Darsteller:innen unerlässlich. Gerade für Tänzer:innen ist kontinuierliches und leistungsorientiertes Training essenziell. Tanzen erfordert Nähe und das Tragen von Masken stellt hierbei aus künstlerischen, aber vor allem aus gesundheitlichen und Sicherheitsgründen keine praktikable Lösung dar.

Der Friedrichstadt-Palast Berlin, das HAU Hebbel am Ufer, das Maxim Gorki Theater, Sasha Waltz & Guests, das Staatsballett Berlin sowie die Volksbühne Berlin haben sich deshalb im September 2020 zusammengeschlossen, um einen Leitfaden zur möglichst sicheren Durchführung des Proben- und Vorstellungsbetriebs im Theater zu entwickeln, der das Proben und Spielen unter körpernahen Bedingungen ermöglicht. Das dabei entstandene Berliner Modell Tanz findet als Arbeitsschutzkonzept seit nunmehr 100 Tagen erfolgreich Anwendung. Ausgangspunkt bei der Entwicklung des Konzepts war die Tatsache, dass Profi-Tanz mit Profi-Sport gleichzusetzen ist, da Tänzer:innen wie Profi-Sportler:innen täglich in ihrem Beruf sportliche Höchst- leistungen erbringen.

1. Verbindlichkeit

Die an der Ausarbeitung des Konzepts beteiligten Institutionen, die ein breites Spektrum der verschiedenen Theaterbetriebe und Tanzkompanien abbilden, wurden hinsichtlich der Themen Gesundheit und Hygiene von dem Experten Dr. Florian Kainzinger, Geschäftsführer der Think.Health Hygiene Solutions GmbH, beraten. Die entwickelten Regeln sind verbindlicher Standard auf den teilnehmenden Bühnen. Sie wurden mit der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa sowie der Unfallkasse Berlin abgestimmt. Kern des Konzepts ist neben der Einhaltung der allgemein bekannten und gültigen Hygienevorschriften im allgemeinen Betriebsablauf ein PCR- Testprogramm, da nur dieses in der Lage ist, Infektionen vor einer möglichen Symptomatik und Infektiosität nachzuweisen. Die Frequenz der Testung richtet sich nach Proben- und Spielplänen des Theaterbetriebs sowie dem lokalen Infektions- geschehen. Gegenwärtig finden mindestens zwei PCR-Tests pro Woche statt.

2. Voraussicht

Theater werden wieder öffnen, nur wann und wie ist noch nicht klar. Öffnungen brauchen Probenvorlauf und dieser Probenvorlauf wiederum braucht im Vorfeld verantwortbare Hygiene- und Arbeitsschutzkonzepte. Daher ist es zu spät, sich erst

mit dem Thema zu beschäftigen, wenn eine Öffnung in Sichtweite ist. Außerdem ist es für Leistungssportler:innen (= Profi-Tänzer:innen) aus gesundheitlichen Gründen unerlässlich im Training zu bleiben, um aktuelle Gesundheitsbeeinträchtigungen und künftige Verletzungsrisiken zu vermeiden.

3. Erfolg

Ziel des Hygiene- und Infektionsschutzkonzepts Berliner Modell Tanz ist es, Infektionen mithilfe einer PCR-Testung zu vermeiden beziehungsweise früh zu erkennen, um Infektionsketten erfolgreich zu unterbrechen. Das Konzept sieht zu Beginn eine doppelt negative Initialtestung vor, gefolgt von einem fortlaufenden rollierenden PCR-Testsystem. Dank der angewandten PCR-Testung konnten in den teilnehmenden Ensembles seit Anfang Februar bereits einige Infektionen im Frühstadium (zumeist asymptomatisch, prä-infektiös und hoher ct-Wert) ermittelt werden. Da die einzelnen Fälle vor Beginn des jeweiligen Probenbetriebs ausfindig gemacht und entsprechend den Gesundheitsbehörden gemeldet wurden, konnte die Teststrategie ihre dauerhafte Schutzfunktion unter Beweis stellen.In den ersten 100 Tagen des Berliner Modell Tanz kam es somit zu keinem einzigen Infektions- ausbruch in einem der Ensembles.Die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Berliner Modell Tanz setzen somit ein Hygiene- und Infektionsschutzkonzept um, das regelhaft Infektionsketten unterbricht, deutlich über den Arbeitsschutz hinausgeht und eine signifikante Risikominimierung ermöglicht. Auf diese Weise wird letztendlich ein reibungsloser Probe- und Trainingsablauf im Theaterbetrieb auch in der Pandemie gewährleistet, um für eine Öffnung der Theater vorbereitet zu sein.

Das Berlin Modell Tanz ist als Open Source-Projekt konzipiert. Es kann ohne Urheberrechtsansprüche geteilt und kostenfrei von anderen Bühnen und Kompanien in eigener Verantwortung und unter Beachtung der lokal relevanten Rechtsvorschriften angewendet werden.

4. Statement

»Das „Berliner Modell Tanz“ ist ein bisher einmaliges Projekt im Zusammenschluss so vieler namhafter Institutionen. Unter Anlehnung an den Profi-Sport wurde ein Arbeitsschutzkonzept entwickelt, welches seine Praktikabilität und Umsetzbarkeit in den letzten Monaten bewiesen hat. Ich freue mich, dass wir damit zahlreichen Künstlerinnen und Künstlern wieder einen Schritt zurück in einen „normalen“ Probenbetrieb ermöglichen konnten.«

Dr. Florian Kainzinger