»Es ist, als käme ich nach Hause«

Zum Ende der Spielzeit zeigen wir John Crankos »Romeo und Julia« noch fünf Mal an der Deutschen Oper Berlin. Wir haben mit Reid Anderson, dem ehemaligen Intendanten des Stuttgarter Ballets und Cranko-Schüler, über das Meisterwerk gesprochen. Tickets für den 16., 23., 25., 26. und 30. Juni sind noch über unsere Webseite erhältlich.

Was unterscheidet John Crankos »Romeo und Julia« von anderen Produktionen?

Er war stark von der russischen Produktion beeinflusst, die er in den 1950ern in London gesehen hatte. Aber John war wirklich ein Erzähler. Er hat seine Ballette fürs Publikum gemacht, nicht für sich selbst. Es sollte theatralisch und verständlich sein. Für John war es sehr wichtig, sagen wir mal, man kommt ein bisschen zu spät in eine Vorstellung, setzt sich hin, hat keine Zeit, ein Programm zu kaufen, es wird plötzlich dunkel und nach Johns Devise müssen sie einfach alles, was auf der Bühne passiert, verstehen.

Gibt es eine Stelle, die besonders gut den Transfer von Shakespeares Original in Bewegung meistert?

John war ein totaler Shakespeare-Fan. Er konnte diesen Text auswendig. Am Anfang des Balkon-Pas-de-deux, wenn Romeo Julia wirklich zum ersten Mal sieht – "What light through yonder window breaks? It is the east, and Juliet is the sun." – Man kann das sehen. Jedes Mal, wenn ich das sehe, denke ich, ja, das ist dieser Moment, und das muss dieser Moment sein.

Die Premiere war 1962. Hat sich das Stück für Sie seitdem verändert?

Ja, technisch sind die Tänzerinnen und Tänzer heutzutage sehr viel weiter als wir damals. Aber mein Job ist, das "Warum" mitzubringen: Warum machen wir das? Warum ist es so? Die Bewegungen müssen alle natürlich sein, aber sie müssen auch etwas bedeuten. Choreographisch sieht es anders aus, aber im Herzen versuchen wir es genauso zu behalten, wie es früher war, als John Cranko noch am Leben war.

Inwieweit ist John Cranko präsent, wenn Sie inszenieren?

Er ist immer bei mir. Stuttgart, John, das Stuttgarter Ballett, seine Choreographien, das ist mein Leben. Ich bin in Stuttgart erwachsen geworden. Ich war noch ein Junge, als ich nach Stuttgart kam. John war sehr offen, er hat mit uns sehr oft gesprochen. Er hat meine Weltanschauung geprägt. Ich habe von John gelernt, was Kunst ist und gutes Essen und gesalzene Butter und tolles Brot. John war ein Katalysator für mich.

Was ist das Besondere an seiner Inszenierung hier in Berlin?

Es ist, als käme ich nach Hause. Sehr viele Tänzer sind noch da, die seit Vladimir Malakhov hier sind. Die kamen aus unserer Schule, John Crankos Schule in Stuttgart. Und sehr viele Tänzer, mit denen ich gearbeitet habe, sind hier als Ballettmeister und -meisterinnen. Es ist gemütlich, als ob ich einen alten Pulli angezogen hätte. Und das macht meine Arbeit natürlich viel leichter, weil ich relaxt bin und sie relaxt sind. Und dann können wir sehr viel schneller weiterkommen. Ich kann etwas geben, wenn ich das Gefühl habe, ich fühle mich sauwohl hier.

Es ist außerdem eine United Nations of Ballet in Berlin. So viele verschiedene Nationalitäten, so viele verschiedene Sprachen. Aber alle Leute werden verstehen, was wir machen. Wir sprechen nicht alle Deutsch, Englisch oder Französisch, aber wir sprechen alle eine Sprache, wenn wir im Ballettsaal sind, und das ist Körpersprache. Es ist eine sehr schöne Sprache. Und sehr leise vor allem.

Interview: Michael Hoh