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Mo 05.12.2022 Iana Salenko

Dornröschen: Notizen von Iana Salenko

Foto: Yan Revazov Foto: Yan Revazov

Ich habe sehr früh angefangen Aurora zu tanzen. Schon mit 18 Jahren nach der Schule habe ich mich das erste Mal auf die Rolle vorbereitet und mich gleich in sie verliebt. Ich dachte, das ist meins, das sind meine Gefühle, das passt zu mir, jung und fröhlich. Ich brauche gar nicht so viel zu spielen, sondern drücke einfach meine Gefühle aus, so wie ich bin.

Jede Hauptrolle ist ein Traum. Man hat Bilder von den besten Tänzerinnen im Kopf, und dann versucht man, es so zu machen wie sie, so gut es geht. Als Kind habe ich Larissa Lezhnina auf DVD gesehen. Sie ist meiner Meinung nach das perfekte Dornröschen. Ich habe diese Bilder von ihr immer noch klar vor Augen und erinnere mich, dass ich auch so werden wollte wie sie.

Das war nun das erste Mal, dass ich mit Marcia Haydée gearbeitet habe. Man kann so viel von ihr lernen! Nicht nur über Dornröschen, sie spricht auch über Onegin, John Cranko und viele andere Ballette. Deswegen habe ich versucht, alles, was sie sagt, aufzusaugen. Marcia ist eine liebevolle Person. Sie hat viel Erfahrung mit Tänzer:innen und sieht auf Anhieb, wieviel ihr Gegenüber schon weiß. Sie hat gesehen, dass ich schon viel Erfahrung mit Dornröschen hatte und bereit bin für diese Rolle. Sie hat mich deshalb einfach gelassen, wie ich bin. Hier und da gibt sie Vorschläge: „Probier mal das oder probier mal jenes” oder sie fragt dich, wie du dich mit diesen Schritten fühlst. Sie hat es mir und anderen Tänzer:innen einfach freigegeben. Vor allem mental hat sie mich auf diese Rolle vorbereitet und mich ermutigt, mehr zu erzählen, mehr Gefühle und Persönlichkeit zu zeigen. Sie ermutigt uns, unseren eigenen Weg zu gehen, als Tänzer:innen und Personen, unsere eigene Persönlichkeit in die Rollen einzubringen.
Es ist sehr schön, mit ihr zu arbeiten, weil sie immer versucht, einem zu helfen. Auch hinter der Bühne ist sie immer da, und man kann ihr einfach vertrauen. Sie ist nicht so kritisch, sondern voller Liebe.

In der Vorbereitung versuche ich, die Rolle für mich zu erfinden und überlege, wie ich die Geschichte mit jedem Schritt erzählen möchte. Habe ich die Geschichte verinnerlicht, wird jede Vorstellung anders, und es macht jedes Mal Spaß, weil ich die Geschichte in meinem Kopf mit dem Tanz immer wieder neu erzählen kann.
Ich versuche, die Aurora in unsere Zeit zu bringen. Sie ist schüchtern, süß, aber gleichzeitig neugierig. Sie will Neues ausprobieren. So möchte ich sie präsentieren, als junges Mädchen, das neugierig ist, Freude hat, Neues kennenzulernen und viele Träume hat.

Nicht nur das Rosenadagio ist schwer zu tanzen, sondern das ganze Stück! Das Rosenadagio ist besonders schwer, weil man als Aurora in kurzer Zeit mit vier Männern tanzen muss. Das erfordert viel Koordination mit den Partnern bei den Drehungen, beim Halten oder Stehen und vor allem, um dabei nicht auszusehen wie ein Roboter. Man muss spüren, in welcher Tagesform der Partner ist, um nicht zu weit oder zu nah zu tanzen. Das ist mental und körperlich schwierig. Am Schwierigsten ist es, die „promenades“ und „balances“ zu halten, weil es an manchen Tagen nicht so einfach ist sie zu finden.
Außerdem hat man nach dem Rosenadagio keine Pause. Du kannst nicht kurz hinter die Bühne, um dir den Schweiß abzutupfen, sondern bleibst für 20 Minuten auf der Bühne und setzt dich nassgeschwitzt kurz in die Ecke, und danach geht es gleich weiter mit deiner 5-minütigen Variation. Das ist so schwer. Ich habe die Rolle bereits in sechs verschiedenen Fassungen getanzt, aber keine Version war so schwer wie diese. Es macht aber durchaus Sinn ― Aurora sollte nicht von der Bühne gehen und ihre Spitzenschuhe vorbereiten, wenn die Prinzen sich ihr präsentieren.

Dieses Dornröschen ist sehr traditionell, und die Schritte musikalisch so zu tanzen, ist das Schwierigste. Es ist wie ein Buch von vor 200 Jahren! Das zu tanzen, ist fast unmöglich, und macht es zu einer großen Herausforderung diese schöne und technisch schwere Rolle zu tanzen. Dornröschen ist eines der besten Stücke aus dem klassischen Ballett-Repertoire. Das mag ich.