Portrait

Die ganze Vielfalt des Balletts

Das Staatsballett Berlin feierte 2014 sein 10-jähriges Bestehen. Doch die Tradition reicht weit darüber hinaus. Historisch betrachtet besteht die Compagnie aus einer Zusammenführung der vormaligen Ballettensembles der drei Berliner Opernhäuser im Jahr 2004. Seitdem hat sich das Staatsballett zu einer der führenden Compagnien weltweit entwickelt.

Als derzeit größte Compagnie Deutschlands und als Berlins einziges klassisch geschultes Ballettensemble brillieren die Tänzerinnen und Tänzer der Compagnie in der ganzen Vielfalt des Ballettrepertoires: Fest verankert im klassischen Repertoire werden ebenso neoklassische und zeitgenössische Werke präsentiert.

Getanzt wird auf den Bühnen der Deutschen Oper Berlin, der Komischen Oper Berlin und der Staatsoper im Schiller Theater. Neben diesen festen Spielstätten nutzt die Compagnie aber auch immer wieder Gelegenheiten, sich an anderen Orten in der Stadt zu zeigen, zuletzt zum Beispiel im Tempodrom Berlin.

Seit 2011 hat das Staatsballett Berlin seinen Sitz in der Deutschen Oper Berlin. Im ehemaligen Malsaal und der Kaschierwerkstatt des Opernhauses entstanden moderne Ballettstudios, die hervorragende Arbeitsbedingungen bieten.

Temperament und Erfahrung

Mit Beginn der Spielzeit 2014/2015 hat der Spanier Nacho Duato die Intendanz des Staatsballetts Berlin übernommen. Der renommierte Choreograph und Ballettintendant bringt die Breite seines weltweiten Schaffens in die Arbeit der Compagnie ein.

In Valencia/Spanien geboren, begann Nacho Duato seine professionelle Tanzausbildung an der Rambert School in London. Danach studierte er an der Mudra Schule von Maurice Béjart und vervollständigte seine Ausbildung beim Alvin Ailey American Dance Center in New York. 1980 unterzeichnete Nacho Duato seinen ersten Vertrag beim Cullberg Ballet in Stockholm. Bereits ein Jahr später engagierte ihn Jiří Kylián an das Nederlands Dans Theater nach Den Haag.

Seine Begabung ließ Nacho Duato schon bald über die Grenzen des Tänzers hinaus wachsen und sich parallel der Choreographie zuwenden. 1986 wurde Nacho Duato vom Nederlands Dans Theater zu einem von drei Hauschoreographen ernannt. 1990 lud das Kulturministerium in Madrid Nacho Duato ein, in sein Heimatland zurückzukehren und bot ihm die Leitung der Compañía Nacional de Danza an. Bis 2011 schuf Nacho Duato dort ein umfangreiches Œuvre und erlangte mit seinem Ensemble weltweit Aufmerksamkeit.

Ein Jahr nach seinem 20-jährigen Jubiläum mit der Compañía Nacional de Danza wurde er am 1. Januar 2011 zum Künstlerischen Leiter des Mikhailovsky-Theaters in St. Petersburg ernannt.

Behutsamer Weg in eine neue Ära

Als Choreographen-Intendant ist Nacho Duato die konstante Arbeit und das gegenseitige Kennenlernen mit den Tänzerinnen und Tänzern im Saal besonders wichtig. Deshalb nahm er sich Zeit, bis er für das Staatsballett Berlin eine eigens für die Compagnie geschaffene Choreographie präsentierte. Diese Kreation mit dem Titel „Static Time“ ist zum Ende seiner ersten Spielzeit in dem dreiteiligen Ballettabend „Duato | Kylián“ am 14. Mai 2015 zur Uraufführung gelangt.

Das Publikum konnte die Handschrift Duato aber schon früher erleben: Im Februar 2015 kam Nacho Duatos „Dornröschen“ aus seiner Zeit in St. Petersburg zur Aufführung. Die Klassiker „Schwanensee“ und „Nussknacker“ sind bereits im Repertoire vorhanden, wodurch die Tschaikowsky-Triologie wieder ihre Vollendung gefunden hat.

Außerdem neu auf dem Spielplan stand im März 2015 Nacho Duatos Choreographie „Vielfältigkeit. Formen von Stille und Leere“, eine variationsreiche Hommage an die Musik von Johann Sebastian Bach.

Repertoire-Werke unterschiedlichster Couleur ergänzten das Programm der ersten Berliner Spielzeit von Nacho Duato. Daneben bildeten zwei Gastspiele besondere Höhepunkte, die eng mit Duatos Werdegang verbunden sind: Das Béjart Ballet Lausanne präsentierte sich dem Berliner Publikum im Oktober 2014, das neu gegründete Tournee-Ensemble von Jiří Kylián in Fortführung des NDT lll im März 2015.

So haben Sie Ballett noch nie gesehen

Die Saison 2015/2016 startete Nacho Duato zusammen mit seiner Compagnie mit einer Reise in seine Heimat Spanien. Dort präsentierten sie im Teatro Real in Madrid drei seiner Stücke. Aus dem klassischen Repertoire zeigten sie Duatos „Dornröschen“, und mit „Static Time | White Darkness“ sowie Marco Goeckes „and the sky on that cloudy day“ gestalteten sie einen modern Tanzabend.

Auch in der Spielzeit 2015/2016 entfaltete sich der moderne Stil Nacho Duatos weiter, mit drei Premieren, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

Im Oktober 2015 feierte zunächst der dreiteilige Ballettabend „Duato | Kylián | Naharin“  Premiere. Der temporeiche Abend zeigt als Einstieg Nacho Duatos „Castrati“, in Anlehnung an das Schicksal der Kastraten im 18. Jahrhundert zu Musik von Antonio Vivaldi und Karl Jenkins. Mit Ohad Naharins „Secus“ wagt  die Compagnie dann gänzlich neue Schritte, denn Sie tanzt erstmals in Naharins Bewegungskonzept „Gaga“.  Jiři Kyliáns „Petite Mort“ rundet dem Abend mit großem poetischen Gefühl ab, ganz im Einklang mit den berühmten Mozart-Klavierkonzerten, die den musikalischen Rahmen geben.

Im Februar 2016 präsentierte Nacho Duato mit „Herrumbre“ ein politisch orientiertes Stück, das die Bombenanschläge in Madrid 2004 und die weltweite Veröffentlichung erschreckender Bilder aus dem Gefangenenlager Guantanamo aufnimmt. Indem Duato Themen wie Terror, Gewalt und Unterdrückung aufgreift, will er ihre Allgegenwärtigkeit vor Augen halten und gleichzeitig zur Wahrung der Menschenwürde aufrufen.

Als dritte Premiere der Spielzeit zeigte das Staatsballett Berlin George Balanchines Werk „Jewels“, das inspiriert ist von der einzigartigen Schönheit und dem unverwechselbaren Glanz von Rubinen, Smaragden, und Diamanten.

Ein Gastspiel des Norwegischen Nationalballetts Oslo mit Henrik Ibsens Choreographie „Ghosts“ rundete zusammen mit zahlreichen Repertoire-Werken das vielfältige Programm die zweite Spielzeit Duatos am Staatsballett Berlin ab.

AUF ZU NEUEN HORIZONTEN

In der Spielzeit 2016/2017 lädt Nacho Duato mit Jean-Christophe Maillot, Benjamin Millepied, Martin Schläpfer und Hofesh Shechter international renommierte Choreographen ein, dem Berliner Publikum ihre künstlerische Handschrift zu präsentieren.

Während „7“ von Martin Schläpfer als Gastspiel des Balletts am Rhein Düsseldorf Duisburg gastiert, halten „Altro Canto“ von Maillot, „Daphnis et Chloé“ von Millepied und „The Art of Not Looking Back“ von Shechter Einzug in das Repertoire des Staatsballetts. Kombiniert mit Shechters Arbeit präsentiert Duato eine weitere Kreation für das Staatsballett, die sich mit der Frage nach den Konsequenzen des zerstörerischen Umgangs des Menschen mit seiner Umwelt beschäftigen wird. Und auch ein Meilenstein des klassischen Balletts erhält einen frischen Impuls: Mit seiner Interpretation von „Der Nussknacker“ präsentiert Duato eine neoklassische Version dieses beliebten Familienballetts.  

In der Saison 2016/2017 wird darüber hinaus ein neues Format eingeführt, mit dem der Intendant junge Talente fördert: bei „DANCE\\\RUPTION“ werden Tänzerinnen und Tänzer der Compagnie zu Choreographen und erarbeiten mit ihren Kolleginnen und Kollegen eigene Arbeiten. Erste Ergebnisse werden in der Tischlerei der Deutschen Oper Berlin auf die Bühne gebracht.

Neben den Aufführungen auf den Berliner Bühnen reist das Staatsballett nach Italien und gastiert vom 17. bis 22. Dezember 2017 im Teatro Regio di Torino mit „Dornröschen“. Um in Berlin neue Besuchergruppen anzusprechen, wird in Saison 2016/2017 außerdem ein neues Angebot ins Leben gerufen: Junge Menschen zwischen 17 und 27 Jahren können sich als BallettBotschafter – kurz „BaBos“ – engagieren, einen Blick hinter die Kulissen werfen und dadurch die Welt des Bühnentanzes für sich entdecken.

Als Gast des Staatsballetts treten die Staatliche Ballettschule Berlin unter der künstlerischen Gesamtleitung von Gregor Seyffert auf sowie erstmals die – von Staatsballett-Tänzer David Simic neu gegründete – Ballettschule am Staatsballett mit „Coppélia“.