»Schwanensee« von hinten
40 Minuten vor Vorstellungsbeginn. Misstöne aus dem Orchestergraben: Die Staatskapelle stimmt ihre Instrumente, auf einmal das unheilvolle Bläsermotiv, dann ein Klingeln. Der eiserne Vorhang senkt sich und schließt Klang und Zuschauerraum aus. In den Gassen stehen silberne Champagnerkelche bereit, auf der Bühne wartet der prächtige Ballsaal auf die Festgesellschaft. Nur die Gäste, die zu Prinz Siegfrieds Geburtstagsfeier geladen sind, benehmen sich merkwürdig: Schöne junge Männer in schneidigen Uniformen wippen auf den Zehenspitzen, machen pliés, verbiegen ihre Füße. Probieren Drehungen und Sprünge im Arbeitslicht. Wollige Gestalten winden sich am Boden, ziehen die langen Beine noch länger, Flauschjacken und Legwarmers. Sie sitzen, liegen, stehen überall in den Gassen und auf der Seitenbühne. Füße werden massiert und Spitzenschuhe angezogen. Tänzerinnen behandeln ihre Füße wie Werkzeug, sorgfältig, sachkundig und unbeteiligt, als seien sie nicht am Körper angewachsen. Zwei Trainingsmatten liegen da, der Masseur hält sich bereit. Knirschen, wenn ein spitzenbeschuhter Fuß Kolophoniumkristalle zu Staub zertritt, der den Schuh vorm Rutschen bewahrt. Die Inspizientin gibt Kommandos an die Technik, dann erlischt das Licht. Nur blaue Neonröhren tauchen die Silhouetten in dämmrigen Schein. Aus dem Halbdunkel leuchten große, dunkel geschminkte Augen mit falschen Wimpern, Plüschjacken gleiten zu Boden, es duftet nach Kosmetik, Tütüs rascheln, tok-tok-tok klopfen Spitzenschuhe auf den Bühnenboden. Dazwischen Bühnenarbeiter in schwarzen Overalls, Werkzeuggürtel umgeschnallt. Die Musik setzt ein, und alle Aufmerksamkeit richtet sich auf die Bühne. Das erste Solo: Schulterklopfen für Artem Shpilevsky, als er schwer atmend von der Bühne kommt. Er greift nach der Wasserflasche. Hier hinten klingt der Applaus wie Prasseln von Hagelkörnern. Es bleibt leise auf der Bühne, auch als die Vorstellung fortschreitet. Hier und da ein Flüstern, noch eine Drehung probiert, Techniker tuscheln, Funkgeräte knistern, ab und zu ein leises Lachen. Das Orchester klingt fern. »Immer wieder schöne Musik«, sagt jemand. Der Feuerwehrmann schickt SMS. Maskenbildnerinnen kontrollieren Frisuren und reichen den Tänzern Kleenextücher; verschwitzte Stirnen und Nasen werden abgetupft, dann flattern die Tüchlein zu Boden. Rund um die Bühne sieht es aus wie auf dem Campingplatz: Wasserflaschen Vliesklamotten, Isomatten. Da und dort Kabelsalat, mit gelb-schwarzen Bändern gesichert. Kostümwechsel. Zwei Ankleiderinnen helfen. Alles, was während der Vorstellung geschieht, vollzieht sich eilig, aber ruhig. Bei den Umbauten tragen die Bühnentechniker schwarze Handschuhe, geschäftig wie Biber zwischen den leuchtenden Schwänen. Die Requisite bereitet den Nebel vor, Trockeneis und Kunstnebel gemischt – das eine kalt, der andere warm – verstärken sich in der Wirkung. Die Maschine zischt wie eine garstige Schlange, Wattewolken wallen über den Tanzboden. Dann heißt es »Toi-toi-toi, Mädels«, und die Tänzerinnen trappeln auf die Bühne wie eine Formation Lipizzaner, tok-tok-tok ... Schlussapplaus brandet auf, Bravos spülen wie heißer Wind über die kühle Bühne. Zwischendurch Umarmungen am Inspizientenpult, dann noch ein Vorhang, noch ein Vorhang. Und auf einmal sind sie auf und davon. Jacken, Taschen, Wasserflaschen sind gleichfalls verschwunden. Die Bühnentechniker machen die Bühne klar, die Inspizientin sammelt die letzten Kleenexe ein. Bis zum nächsten Mal.
Barbara M. Zollner