Diese Frage lässt sich bei Angelin Preljocajs SCHNEEWITTCHEN nicht leicht beantworten, schließlich stammen die Kostüme aus der Hand des großen französischen Modemachers Jean Paul Gaultier. Seit 33 Jahren ist dieser ein nicht wegzudenkender Teil der Modebranche und hat in seinen Kollektionen schon oft Liebe zum Märchen und außerdem Mut zum Bruch mit Konventionen bewiesen. Damit dürfte wohl kein Zweifel mehr bestehen, dass auch die Kostüme für Schneewittchen ein Blickfang und keineswegs unschuldig werden.
Die Verbindung Ballett und Modedesign folgt einer langen Tradition. So hat Coco Chanel für die Ballet russes, Issay Miyake für Williame Forsythe, Gianni Versace für Maurice Béjart und Georgio Armani, Jil Sander und Albert Kriemler für John Neumeier Kostüme entworfen und die Tänzer glamourös erstrahlen lassen. Schon drei Wochen nach den ersten Gesprächen lieferte Gaultier ca. 120 Entwürfe, um die Kostüme den Tänzern des Ballet Preljocajs letztlich direkt auf den Leib zu schneidern. Für das Staatsballett Berlin wurden die Kreationen Gaultiers noch einmal angefertigt: Lack und Leder für die böse Stiefmutter, ein weißes Kleid für Schneewittchen, leuchtendes orange und goldene Stickereien für den Prinzen und für die Zwerge eine ordentliche Bergmannskluft.
Ein besonderer Höhepunkt sowohl des Bühnenbilds als auch der Choreographie stellt die Ankunft der Zwerge dar, die sich leichtfüßig von einer 18 Meter breiten und 8 Meter hohen Felsenwand abseilen. Die Wand besteht aus einem schweren Eisenrahmen, in den die mit Farbe und Kettensäge bearbeiteten Felsenteile aus Holz und Styropor eingehängt werden. Die Tänzer, die an dieser Felsenwand hängend eine Meisterleistung an Drehungen und Choreographie vollführen, werden durch Kletterseile gesichert. Gewichte auf der Rückseite der Wand, das dem Gewicht des jeweiligen Tänzers entsprechen muss, verhindern einen Absturz und machen eine freie Bewegung möglich. Drei Wochen lang probten die Zwerge dafür in der Sankt-Johannes-Evangelist-Kirche am Oranienburger Tor, schließlich war im Ballettsaal für so einen riesigen Aufbau nicht genug Platz. Dieser originelle, zum Teil vertikal schwebende Tanz bietet die Möglichkeit für ganz neue Arten der Bewegung und eröffnet dem Zuschauer eine neue Wahrnehmungsperspektive. Da ist es natürlich wichtig, dass auch die Kostüme mitspielen.
Die opulente Szenerie voller Magie hat der Bühnenbildner Thierry Leproust erschaffen, die Lichtgestaltung stammt von Patrick Riou. Beide haben schon vorher mit Angelin Preljocaj und anderen bekannten Choreographen zusammengearbeitet. In SCHNEEWITTCHEN wird die Geschichte durch einen passenden Hintergrund verbildlicht, die Natur tritt beinahe als eigene Bühnenfigur auf. Leproust und Riou schöpfen aus einem Reichtum an modernen technischen und szenischen Möglichkeiten. So verläuft sich Schneewittchen in einem Wald aus papierenen Bäumen und versteckt sich hinter einem riesigen Stein, die grellen Zickzacklinien des Lichts am Boden kündigen das Böse an und auch der überdimensional große Spiegel der bösen Stiefmutter darf natürlich nicht fehlen. Ein besonderes Highlight des Bühnenbilds ist die Felsenwand aus der die Zwerge schlüpfen und sich abseilen.
So heißt es am Ende des Märchens über die böse Stiefmutter. Ähnlich fühlten sich auch anfangs die vor allem klassisch geschulten, Tänzerinnen und Tänzer des Staatsballetts Berlin, als sie die moderne Choreographie Angelin Preljocajs einstudierten. Der französische Choreograph und künstlerische Leiter des Ballet Preljocaj hatte 2008 das romantische, zeitgenössische Ballett „Blanche Neige“ für seine Compagnie aus Aix en Provence kreiert und jetzt mit dem Staatsballett Berlin neu erarbeitet und interpretiert. Nach LE PARC (2000) und LE SACRE DU PRINTEMPS (2001) ist BLANCHE NEIGE das dritte Ballett des Franzosen, das in Berlin zur Aufführung gelangt. „Schneewittchen“ könnte zwar ein typisches Ballett-Thema wie „Cinderella“ oder „Dornröschen“ sein, doch wurde es zuvor nur selten vertanzt, z. B. 1951 von Serge Lifar und dem Pariser Opernballett. Anders als viele andere Choreographien Angelin Preljocajs ist es ein chronologisch verlaufendes Handlungsballett. Zwischen klassisch anmutenden Tänzen der Hofgesellschaft und dem graziösen Pas de deux der Verliebten tanzt der Prinz mit dem leblosen Körper des Schneewittchens, und die Zwerge bieten eine Art Volkstanz dar. So verknüpfen sich klassische und moderne Elemente zu einer originellen Vorstellung, in der die Zwerge auch kopfüber noch Pirouetten drehen. Dazu spielt eine klassischen Musik mit modernen Ergänzungen.
Wir alle kennen und lieben sie, die jahrhundertealten Märchen, die uns als Kinder erschauern ließen und uns zugleich faszinierten. Diese Geschichten, die jedermann kannte, wurden lange Zeit nur mündlich tradiert, aber im 18. Jahrhundert, in der Zeit der Romantik, zu Papier gebracht. So entstand die bekannteste Märchensammlung „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm 1812. Darin findet man auch „Schneewittchen“, das in verschiedenen Abwandlungen eines der beliebtesten Märchen der Sammlung ist. Begeistert von diesem klassischen Märchen, will Angelin Preljocaj die ursprüngliche Geschichte Schneewittchens mit fast vergessenen Sequenzen, wie dem Tanz der bösen Stiefmutter in glühenden Schuhen, durch sein Ballett wieder aufleben lassen. Dabei stehen weniger lustig singende Zwerge und ein Happy-End im Vordergrund (wie z. B. in der beliebten Verfilmung von Walt Disney), sondern eine, wie Preljocaj findet, aktuelle Problematik: die Rivalität zwischen Mutter und Tochter. Er interessiert sich für den umgekehrten ödipalen Konflikt zwischen Kind und Eltern, gemäß einer Deutung des Kinderpsychologen Bruno Bettelheim, und die narzisstische Stiefmutter spielt dabei die Hauptrolle. So folgt Preljocaj chronologisch der klassischen Geschichte, allerdings setzt er diese mit den modernen Mitteln des zeitgenössischen Tanzes um.


