Ballett in Berlin - Notizen zur Geschichte
DIE ANFÄNGE AN DER HOFOPER FRIEDRICHS DES GROSSEN
Friedrich der Große etabliert 1742, mit Gründung seiner Hofoper, dem Königlichen Opernhaus Unter den Linden, auch eine Ballettcompagnie, zunächst um mit ihr die Balletteinlagen der Opern zu bestreiten, Tänzer und Figuranten werden aus Paris engagiert.
Die zentralen Figuren dieser Epoche: die Schwestern Roland und Marie Cochois, Barbarina Campanini (von Friedrich dem Großen mittels einer abenteuerlichen und legendenumwobenen Entführung nach Berlin engagiert), Jean-Georges Noverre, der Ballettmeister und Tänzer Michele Poitier oder der Choreograph Étienne Lauchery.
Die Gründung der ersten Ballettschule, um dem Tänzermangel entgegenzuwirken: es sollen “Berliner Bürgermädchen für den Tanz abgerichtet werden”, denn Tänzer aus Paris zu engagieren, wird auf die Dauer zu kostspielig.
Barbarina Campanini - Gemälde von Antoine Pesne (um 1745)
Taglionis Ballett „Satanella“ - Szenenbild von Karl Wilhelm Gropius (1852)

DAS GENRE BALLETT WIRD EIGENSTÄNDIG
Das erste eigenständige Ballett in Berlin wird 1794 (auf der Bühne des Nationaltheaters am Gendarmenmarkt) aufgeführt: »Cortez und Thélaire« in der Choreographie von Étienne Lauchery. Damit löst sich in Berlin das Ballett von der Oper und wird zu einem eigenständigen Genre. Zum Repertoire des Nationaltheaters am Gendarmenmarkt gehören “Arlequinaden und Prügel-Divertissements”, Spielplan-Streitereien werden per Dekret gelöst, ein reger Ballettbetrieb setzt zunehmend ein. 1803 gelangt als einer der ersten Paris-Importe Pierre Gardels »Dansomanie« in der Überarbeitung von Étienne Lauchery auf den Berliner Spielplan.
Die Hofoper und das Nationaltheater am Gendarmenmarkt werden 1811 zu den “Königlichen Schauspielen” vereinigt. 1813 wird Constantin Michel Telle Leiter des Balletts, 1817–1856 Michel François Hoguet.
Die Entwicklungen des europäischen Theatertanzes spiegelnd gelangen Schlüsselwerke wie »La Fille mal gardée« (1818) oder »La Sylphide« (1832) auf die Berliner Ballettbühne. Ein umfangreicher Ballettspielplan, (zum Repertoire gehören romantische Feen- und Zauberballette), und ein für die Zeit des Biedermeier ungewöhnlicher Erfolg beim Berliner Publikum bewirken, dass Berlin im deutschsprachigen Raum – neben Wien und Stuttgart – zu einem der führenden Ballettzentren wird, in dem sich so berühmte Namen wie die Familie Taglioni, Fanny Elßler, Carlotta Grisi, Fanny Cerrito, Lucile Grahn und viele andere regelmäßig versammeln.
Paul Taglioni, Spross der berühmten Tänzerfamilie und seit 1829 als Premier danseur an der Oper engagiert, wird 1856 Leiter des Balletts. Er ist eine der kreativsten Figuren der Berliner Ballettgeschichte. Ihm verdankt Berlin das Aufrücken in die Position eines Ballettzentrums neben Paris, Wien, St. Petersburg, London, Mailand, Neapel. Sein Ballett »Flick und Flock’s Abenteuer« erlebt 451 (!) Aufführungen.

ERSTE SCHRITTE AUF DEM WEG IN DIE MODERNE
Unter der Leitung von Emil Graeb (1887–1919) und seiner Protagonistin Antonietta dell’Era überlebt das Ballett mit 140 Tänzern (fast alle entstammen der angegliederten Königlichen Ballettschule) den allgemein in Europa verblassenden Stern des Genres Ballett. Mit Auftritten Isadora Duncans oder Anna Pawlowas in der Krolloper, (seit 1895 den Königlichen Schauspielen angeschlossen) werden jene Zeichen der Zeit vorweg genommen, die nach dem Ersten Weltkrieg unaufhaltsam Gestalt annehmen sollen.
Durch Heinrich Kröller (1919–1922), der dem zeitgenössischen Tanz gegenüber sehr aufgeschlossen war, und durch Max Terpis (1923–1930), ein Schüler von Mary Wigman, werden Wege des modernen Tanzes beschritten; seinem Nachfolger Rudolf von Laban (1930–1934) jedoch gelingt es nicht, die eigenständige Position der Kunstform Tanz am Opernhaus zu bewahren. Tanz wird aber zu dieser Zeit stark in zeitgenössische Opern integriert.
Die nationalsozialistischen Forderungen nach der Neugestaltung altpreußischer Traditionen im Theater setzt Lizzie Maudrik 1933–1945 mit einem neugegründeten Ballett-Ensemble um.
Primaballerina Antonietta dell’Era - 1879-1909 in Berlin engagiert.
Max Terpis’ „Der letzte Pierrot“ - Staatsoper 1927.
Tatjana Gsovskys „Daphnis und Chloé“ - Sybill Werden und Gert Reinholm, Staatsoper 1946

DEUTSCHE STAATSOPER
Der Neuanfang erfolgt mit Tatjana Gsovsky (1945–1951), in deren Arbeit ihre völlige Beherrschung der russischen Schule genauso zum Tragen kommt wie ihre Erfahrungen mit dem deutschen Ausdruckstanz.
Ihre Nachfolgerin wird Daisy Spies (1951–1955), die bereits unter Max Terpis Solotänzerin war. Lilo Gruber (1955–1969), eine Wigman-Schülerin, die den sowjetischen Realismus pflegt, und Claus Schulz (1969–1972) lösen einander ab. Für ihre Ära sind jeweils ein lebhafter Ballettbetrieb sowie ein vielseitiger Spielplan charakteristisch.
Egon Bischoff, (1974–1993, ein Jahr dazwischen Martin Puttke), bringt an der Staatsoper die klassisch-akademische russische Schule zur Vollendung und befördert in enger Zusammenarbeit mit der Berliner Staatlichen Ballettschule die Homogenität des Ensembles.
1993 wird Michaël Denard zum Ballettdirektor berufen. Choreographen wie Maurice Béjart und Roland Petit, oder Rudolf Nurejew bereichern das Ballettrepertoire der Staatsoper, kreieren eigens für das Ensemble, eine Reihe der großen Ballettklassiker studiert der französische Choreograph Patrice Bart neu ein. Kommissarischer Ballettdirektor ist von 1996–2001 Staatsopernintendant Georg Quander. Vladimir Malakhov wird 2002 zum Ballettdirektor berufen, ist ab 2004 Ballettintendant der Stiftung Oper in Berlin.
„Schwanensee“ (Bischoff nach Petipa/Iwanow/Sergejew) - Monika Lubitz und Bernd Dreyer, Staatsoper 1983
"Dix oder Eros und Tod" (Choreographie: Roland Petit) - Bettina Thiel, Staatsoper 1993

KOMISCHE OPER
Wichtig für die Berliner Ballettgeschichte ist das Tanztheater der Komischen Oper. Walter Felsensteins Theaterentwurf bekennt sich zu einem produktiven, partnerschaftlichen Verhältnis zwischen Theater und Publikum. Felsenstein ernennt Tom Schilling 1966 (nach bereits 20 Jahren »Musiktheater«-Praxis) zum Chefchoreographen der Komischen Oper. Mit dem Anspruch, Tanz müsse sich »als letztlich einzig mögliche Gestaltungsweise eines menschlichen Ereignisses legitimieren«, so ein Bekenntnis Tom Schillings, erobert er ein breites Publikum, und seine Arbeit wurde international genau beobachtet. Dabei hat er gerade nicht nur die Ballettomanen im Blick, sondern denkt sich das zu erreichende Publikum als Gruppe von Menschen, die durch den Besuch einer Ballettvorstellung berührt werden müssten.
Tom Schilling und die Tänzer des Tanztheaters der Komischen Oper sind zum Teil Identifikationsfiguren für eine ganze Generation.
1994 wird Jan Linkens zum Chefchoreographen ernannt, Marc Jonkers zum Direktor des Tanztheaters. 1999 wird Richard Wherlock Ballettdirektor, das Tanztheater erhält den Namen “BerlinBallett – Komische Oper”. 2001 folgt Blanca Li in das Amt, das sie vorzeitig aufgibt. 2002 bis 2004 ist Adolphe Binder künstlerische Leiterin.
"Romeo und Julia" (Choreographie: Tom Schilling) - Hannelore Bey und Roland Gawlik, Komische Oper 1972
Tom Schilling und Hannelore Bey in der Probe
„La Mer“ - Hannelore Bey und Roland Gawlik, (Choreographie: Tom Schilling) Komische Oper 1969

STÄDTISCHE OPER / DEUTSCHE OPER BERLIN
Galionsfigur der Berliner Ballettgeschichte ist für eine bestimmte Zeit Tatjana Gsovsky. Sie gründet ihre im heutigen Sinne freie Truppe, das »Berliner Ballett«. 1951 verlässt sie die Staatsoper, wird ab 1953 immer wieder als Choreographin an die Städtische Oper im Westteil der Stadt eingeladen, wird dort aber erst 1958 zur Ballettmeisterin und Chefchoreographin ernannt. 1966 erklärt sie ihren Rücktritt von dieser Position und widmet sich ihrer Ballettschule. Tatjana Gsovsky bringt zahlreiche Klassiker-Inszenierungen heraus sowie Choreographien (z. T. Uraufführungen) zu zeitgenössischen Kompositionen z. B. von Boris Blacher, Hans Werner Henze oder Luigi Nono. Ihre Choreographien und Projekte, die sie mit ihrem Berliner Ballett auf erfolgreichen Welttourneen zur Aufführung bringt, sind am Stammhaus eher missliebig, in ihren Erfolgen andernorts, wird sie allerdings als »Berlinerin« reklamiert. Ihr folgt als künstlerischer Leiter vorübergehend Kenneth MacMillan (1966–69), dessen Werke auch den Spielplan prägen.
Von 1962 bis 1990 lenkt Gert Reinholm, Weggefährte Tatjana Gsovskys, die Geschicke des Balletts an der Städtischen Oper, 1972 wird er zum Ballettdirektor ernannt.
Das Ballett spiegelt zunächst noch den Weg des Nachkriegsballetts und vollzieht erst allmählich den Wandel zu einer Öffnung für Strömungen und Persönlichkeiten der internationalen Szene. Auf der Basis des klassisch-akademischen Tanzes gedeiht ein ausgesprochen eklektischer Spielplan, in dem sich Ballette von Auguste Bournonville, Marius Petipa und George Balanchine begegnen, Choreographien von Hans van Manen, Kurt Jooss, Maurice Béjart und Valery Panov prägen mit ihren Choreographien das Repertoire, Protagonisten sind unter anderen Eva Evdokimova oder Peter Schaufuss. Der Tänzer und Choreograph Gerhard Bohner wird zu einer der zentralen Figuren der “Anti-Establishment-Aktivitäten” in der Berliner Akademie der Künste. Gert Reinholm lädt regelmäßig Stargastspiele nach Berlin ein und befördert zahlreiche Uraufführungen auf die Bühne der Deutschen Oper: darunter z. B. »Tutuguri« oder »Nacht aus Blei.«
1990 wird Peter Schaufuss zum Ballettdirektor ernannt, ihm folgt 1994 Ray Barra, 1996 Richard Cragun, 1999 bis 2004 leitet Sylviane Bayard das Ballett als Ballettdirektorin.
„La Sylphide“ (Bournonville) - Eva Evdokimova und Peter Schaufuss, Deutsche Oper 1982.
Tatjana Gsovsky und Gert Reinholm mit Yvette Chauviré.
Gerhard Bohners „Ballett und elektronische Musik“, Akademie der Künste 1971