Blog

Alexander Abdukarimov in "Erde", Foto: Yan Revazov Alexander Abdukarimov in "Erde", Foto: Yan Revazov

So 02.04.2017 Renske Steen

Interview mit Nacho Duato

Am 21. April 2017 hebt sich der Vorhang für die Premiere von „Duato | Shechter“ mit Nacho Duatos zweiter Kreation für das Staatsballett Berlin und der Einstudierung eines Werkes von Hofesh Shechter, der erstmals mit dem Staatsballett arbeitet. „Duato | Shechter“ ist ein Doppelabend, mit dem das Staatsballett Berlin seine ästhetischen Grenzen erweitert. Im Interview erzählt Nacho Duato, Intendant des Staatsballetts, wie er es schafft, in seinen Choreographien politisch zu werden. Wie macht er das?

Nun ja, Politik hat auch viel mit Leidenschaft und mit Gefühlen allgemein zu tun, oder? Man kann doch eigentlich alles in einen politischen Kontext bringen. Ich meine, sogar „Giselle“ ist ein politisches Ballett. Der Prinz darf seine Angebetete nicht heiraten, weil sie nicht seinem Stand angehörig ist. Oder „Schwanensee“ – auch total politisch. Aber natürlich werden diese Werke eigentlich nie politisiert, das stimmt. Das Publikum geht schließlich ins Ballett, um eine schöne Ballerina zu sehen oder einen Prinzen. Die Besucher wollen nicht das Programmheft aufschlagen und erst einmal die Deklaration der Menschenrechte lesen müssen. Speziell das konservative Publikum, das meistens mehr als 20 Euro für das Ticket bezahlt, möchte das nicht.

So ähnlich war das aber bei „Herrumbre“, Ihrer Choreographie über den terroristischen Bombenanschlag in Madrid, die das Staatsballett vor ungefähr einem Jahr aufführte. Damals verteilte Amnesty International im Anschluss an die Vorstellung eine Broschüre gegen Folter – eine Provokation nach einem schon nicht leicht zu verdauenden Stück, oder?

Ja, aber so sollte es sein! Für „Erde“, mein neues Stück, haben wir Greenpeace als Partner gewinnen können. Für mich ist das etwas sehr Besonderes. Normalerweise geht es beim Ballett um die Zusammenarbeit mit großen Stars oder wichtigen Geldgebern wie Mercedes Benz. Aber grade diese Verbindung zu Greenpeace finde ich unheimlich wichtig, in so einer Stadt wie Berlin, die so rau ist, so viele Probleme hat, in der so viele Nationalitäten auf kleinem Raum zusammenleben. Ich zumindest bin sehr stolz darauf und gespannt, inwiefern sich da noch Synergien ergeben.

Sie verzichten also lieber auf das Publikum, das solche Verbindungen und Querverweise zu anstrengend findet, und machen dafür Stücke, die Ihnen wirklich auf der Seele brennen?

Natürlich zieht „Schwanensee“ mehr Publikum an als zum Beispiel „Herrumbre“. Ich kann das auch verstehen. Wer geht nach einem harten Tag im Büro schon ins Theater, um solch ein ernstes und drastisches Stück zu sehen? Da kommt dann ein Publikum, das, so glaube ich, keine Angst vor Konfrontation hat. Es möchte selbst reflektieren dürfen, was es vorgesetzt bekommt, und nicht etwas sehen, das nichts mit der eigenen Realität zu tun hat. Dabei mag ich selber ja auch die großen Klassiker, habe sie choreographiert, „Dornröschen“ und „Nussknacker“ zum Beispiel. Aber meine eigene Arbeit fokussiert sich dann doch meist auf solche Themen, die mich selbst auch betreffen und berühren. Das Gute ist am Ende, dass wir auf kein Publikum verzichten müssen, weil es eben auch die anderen Werke zu sehen gibt. Ich möchte auf niemanden verzichten, sondern nur für alle etwas auf die Bühne bringen.

Und „Erde“, Ihre neue Choreographie, die am 21. April gemeinsam mit Hofesh Shechters „The Art of Not Looking Back“ zur Uraufführung gebracht wird, ist ein solches Stück, dessen Inhalt Sie betrifft und berührt?

Ja, genau. Es handelt von unserem Planeten, den wir, ohne Verantwortung zu übernehmen, einfach zerstören. Und wir werden unter den Folgen noch leiden – viel leiden. Die Choreographie hat aber insgesamt einen optimistischen Grundton, denn ich habe schon das Gefühl, dass die Menschheit langsam beginnt zu verstehen, was zu tun ist, um diese Zerstörung aufzuhalten.  Naja, es gibt schon Länder, in denen Umweltschutz bis heute sträflich vernachlässigt und Folgen der Verschmutzung sogar verleugnet werden. Klar, grade jetzt unter dem neuen Präsidenten der USA gab es wieder einen Aufschwung solcher Meinungsmacher. Aber ich glaube, dass so etwas auch dazu führen kann, dass sich die Gegenseite – in diesem Fall die Seite pro Umweltschutz – noch gezielter formiert und dann endlich auch handelt. Ich denke, die Anzeichen sind so massiv, die kann doch keiner mehr übersehen.

Wie sind Shechters und Ihre Choreographie miteinander verbunden?

Nun, in beiden Stücken gibt es elektronische Musik. Hofesh Shechter hat für „The Art of Not Looking Back“ seine eigene Musik geschrieben, und ich habe Musiker beauftragt. Darunter zwei Komponisten Pedro Alcalde und Sergio Cabballero, vom berühmten Sónar Festival, und drei Musiker, die häufig als DJs arbeiten und die manche sicher kennen: Richie Hawtin legt regelmäßig im Berghain auf, Alva Noto ist ein berühmter deutscher Künstler, der schon öfter gemeinsam mit Mika Vainio, dem dritten im Bunde und bekannt für seine Minimal- und Ambiance-Werke, Projekte gemacht hat. Und die Kombination aus dieser klassischen und der elektronischen Musik ist wirklich richtig gut geworden.

Gibt es denn auch inhaltlich eine Verbindung zwischen den beiden Werken?

Nein, das nicht, aber Shechter und ich benutzen ein sehr ähnliches choreographisches Vokabular: stark, geerdet, seine Tänzerinnern sind barfuß, bei mir tragen sie Sneaker. Ich glaube, dass unsere Stücke sehr gut zusammen passen, sie ergänzen sich.

Das Interview führte Renske Steen für die ClassicCard